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Amoklauf in Emsdetten : „Es ist die Hölle auf Erden“

  • -Aktualisiert am

Sebastian B., wie er sich in einem Video präsentierte Bild: ddp

„Er wurde immer geärgert“, erinnert sich eine Schülerin an den Amokläufer in der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten. Sebastian B. hinterließ im Internet viele Spuren. Sie zeichnen ein schockierendes Bild vom Leben des 18jährigen.

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          „Es war in der ersten Pause, da habe ich auf dem Schulhof mehrere Knalle gehört. Alle sind weggerannt, dann sind orange Gasbomben in der Luft explodiert. Und dann gab es einen Knall direkt neben mir an der Stange, da hat er reingeschossen. Er stand ungefähr zwanzig Meter weit weg, hatte eine schwarze Maske auf und einen schwarzen Mantel, der ging bis zum Knie. Und eine Waffe in der Hand. Und dann läuft er, als wenn nichts wär', in die Schule rein. Die Lehrer haben gesagt: Geht auf den Parkplatz, und da waren dann alle am Heulen. Später kamen die anderen Schüler aus dem Hinterausgang raus.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So schildert ein Fünfzehnjähriger, der die Geschwister-Scholl-Realschule in der nördlich von Münster gelegenen Kleinstadt Emsdetten besucht, die Minuten, bevor am Montag der achtzehnjährige Sebastian B. in seine ehemalige Schule eindrang. Dort verletzte er 27 Menschen, drei von ihnen schwer, mit Schüssen oder Rauchgasgranaten, unter ihnen sieben Kinder, eine Lehrerin, den Hausmeister und 16 Polizisten. Danach beging er Selbstmord, während die Polizei das Gebäude stürmte.

          „Er war ein Außenseiter“

          Von dem Schüler, der nach der zehnten Realschulklasse auf die Berufsschule gewechselt war, heißt es, er sei ein unbeliebter Einzelgänger gewesen: „Er wurde immer geärgert, war ein Außenseiter“, sagt der siebzehnjährige Tuncay Aygün. „Er war immer nur zu Hause und immer alleine.“ Der vierzehnjährige Patrick Sander berichtet, daß Sebastian B. ein virtuelles Bild der Realschule auf einer eigenen „Map“ des Computerspiels Counterstrike angelegt habe: „Aber da gab es nur den Altbau, der Neubau fehlte. Man konnte auf dem Schulhof oder auf dem Dach starten. Ich schätze mal, daß er damit geübt hat.“

          „Ja, es geht hier um Amoklauf!”

          Sebastian B. scheint nicht nur einsam, sondern auch haßerfüllt und gedemütigt gewesen zu sein. An diesem Dienstag hätte er sich zudem wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor Gericht verantworten müssen. Das alles scheint ihn zu der Tat motiviert haben. „Bei unserer Abschlußfeier hat er gesagt, daß wir bereuen werden, daß wir ihn immer geärgert haben“, berichtet ein ehemaliger Mitschüler.

          „Ich fresse die ganze Wut in mich hinein“

          Sebastian B. habe eine „Todesliste“ gehabt, eine Schülerin habe aus Angst vor ihm die Schule verlassen wollen, und auf seiner Tour durch die Schule habe er gezielt die Klasse 9d und die Rektorin aufsuchen wollen. Im Internet kündigte er die Tat ebenfalls an. Auf einer inzwischen gesperrten Seite, auf der er sich auch im Tarnanzug präsentierte, schreibt er, das einzige, was er in der Schule je gelernt habe, sei, daß er ein Verlierer sei. Der Eintrag schließt mit: „Ich bin weg.“ Ferner äußerte sich B. in einem Forum lobend über eine Waffe, die er gekauft hatte.

          Noch während die Nachrichtensender am Montag mittag über Identität und Motive des Täters rätseln, ist in Diskussionsforen und Chats des Internet die Geschichte aufgedeckt. Denn Sebastian B. war ein begeisterter Internet-Surfer - und er war sehr mitteilungsbedürfig. Immer wieder ließ er in den vergangenen Jahren seinen Haß auf sich und die Welt heraus, häufig unter seinem Spitznamen „ResistantX“. So vertraut er sich bereits im Juni 2004 der Website www.das-beratungsnetz.de an: „Diese Angst schlägt so langsam in Wut um. Ich fresse die ganze Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen, und mich an all den Arschl**hern zu rächen, die mir mein Leben versaut haben!“ Dann wird er konkreter: „Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!“

          In seiner Selbstdarstellung in der Singlebörse www.abgefuckt-liebt-dich.de zitiert Sebastian B. aus einem Lied der Düsterrock-Band Weena Morloch, das auf den Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor vier Jahren anspielt: „Wer noch einmal meinen Weg kreuzt, hat zehn Kugeln im Gesicht.“ In einem Interview sagte Songschreiber Alexander Kaschte über einen möglichen Zusammenhang zwischen Erfurt und seinen Liedern: „Einer der ersten Gedanken, als ich von dem Attentat erfuhr, war, daß mich möglicherweise Mitschuld an dem Amoklauf treffen könnte; daß dieser Mensch meine Platten gehört und meine Texte falsch verstanden haben könnte.“ Nun ist die Befürchtung doch noch eingetroffen.

          „Ich werde ein abgefuckter Looser bleiben“

          Das Motiv des Sebastian B. läßt sich auch in seinem Online-Tagebuch auf http://resistantx.livejournal.com erahnen. Dort klagt er im Juni 2005: „ich werde den rest meines lebens ein abgefuckter looser sein, und da mir alles egal ist bekomme ich auch keinen abschluss. das ist die hölle, wenn einem alles egal ist. ich mein; ich lerne nicht mehr, ich beteilige mich nicht mehr und . . . ich tue eigentlich gar nichts mehr ausser vor mich hinvegetieren. es ist die hölle auf erden.“ Immer wieder kommt seine Wut auf die Schule zum Ausdruck, seine Einsamkeit, eine unglückliche Liebe und seine Neigung zu Waffen: „Ich hasse es, ich hasse es immer der Doofmann für alle zu sein. Ich hasse es immer als Depp hingestellt zu werden. Ich hasse es immer das Individoum zu sein, welches als überflüssig erscheint.“

          Im Forum von www.chemikalien.de erkundigt sich „ResistantX“ nach Rezepten für Sprengstoff: „Habe mal meinen Freund Google gefragt. Der hat mir dann gesagt das ich mit Dünger und Öl, Benzin, Kerosin oder sonst was eine Bombe bauen kann.“ Am Sonntagabend wird unter dem Namen _Bastian_ und dem Stichwort ResistantX auf der Website www.myvideo.com ein zwei Minuten langes Video eingestellt, in dem er den Amoklauf probt. Doch kaum hat Sebastian B. seine Tat begangen, reagiert auch das schnellste Medium der Welt, das Internet. Wenige Stunden nach seiner Tat löschen Forenbetreiber seine Nachrichten und sperren seine Profile. Sei es, um die Sensationslust einzudämmen. Sei es aus Angst vor Konsequenzen, die Puzzleteile, die zu dem Amoklauf führten, auf der eigenen Website zu behalten.

          „Zu den Eltern hatten wir auch keinen Kontakt“

          Und auch in der wirklichen Welt herrscht Erschütterung. Die Nachbarn der B.s können es am Montag nachmittag noch gar nicht fassen. „Wir wohnen seit 36 Jahren nebeneinander“, sagt die Nachbarin, „aber gekannt haben wir ihn kaum. Er hat nie gegrüßt, war immer schwarz gekleidet, zum Schluß trug er auch Tarnanzüge. Zu den Eltern hatte wir auch keinen Kontakt.“ Sebastian hat zwei jüngere Geschwister, der Vater ist Postbote, die Mutter Hausfrau. Die Familie wohnt hinter hohen Hecken in einem rot verklinkerten Einfamilienhaus in einer Wohngegend, die in den Fünfzigern und Sechzigern bebaut wurde.

          Mehrere Polizisten haben sich am Nachmittag vor dem Haus versammelt. Einer, mit Gesichtsmaske und Helm, fragt Nachbarn, ob sie eine Leiter hätten. Kurz darauf sieht man, wie die Leiter ganz oben am Haus am Fenster des Spitzbodens angelehnt wird: Sprengsätze sollen geborgen werden. Sebastian B. selbst trug während seines Amoklaufs Sprengsätze am Körper. Da kommen die Großeltern B.s zu Fuß herbei, die Großmutter in beigefarbenem Mantel, der Großvater in hellbrauner Lederjacke. Die Nachbarin beginnt zu weinen: „Die tun mir so leid!“

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