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Amoklauf in Emsdetten : „Es ist die Hölle auf Erden“

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In seiner Selbstdarstellung in der Singlebörse www.abgefuckt-liebt-dich.de zitiert Sebastian B. aus einem Lied der Düsterrock-Band Weena Morloch, das auf den Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor vier Jahren anspielt: „Wer noch einmal meinen Weg kreuzt, hat zehn Kugeln im Gesicht.“ In einem Interview sagte Songschreiber Alexander Kaschte über einen möglichen Zusammenhang zwischen Erfurt und seinen Liedern: „Einer der ersten Gedanken, als ich von dem Attentat erfuhr, war, daß mich möglicherweise Mitschuld an dem Amoklauf treffen könnte; daß dieser Mensch meine Platten gehört und meine Texte falsch verstanden haben könnte.“ Nun ist die Befürchtung doch noch eingetroffen.

„Ich werde ein abgefuckter Looser bleiben“

Das Motiv des Sebastian B. läßt sich auch in seinem Online-Tagebuch auf http://resistantx.livejournal.com erahnen. Dort klagt er im Juni 2005: „ich werde den rest meines lebens ein abgefuckter looser sein, und da mir alles egal ist bekomme ich auch keinen abschluss. das ist die hölle, wenn einem alles egal ist. ich mein; ich lerne nicht mehr, ich beteilige mich nicht mehr und . . . ich tue eigentlich gar nichts mehr ausser vor mich hinvegetieren. es ist die hölle auf erden.“ Immer wieder kommt seine Wut auf die Schule zum Ausdruck, seine Einsamkeit, eine unglückliche Liebe und seine Neigung zu Waffen: „Ich hasse es, ich hasse es immer der Doofmann für alle zu sein. Ich hasse es immer als Depp hingestellt zu werden. Ich hasse es immer das Individoum zu sein, welches als überflüssig erscheint.“

Im Forum von www.chemikalien.de erkundigt sich „ResistantX“ nach Rezepten für Sprengstoff: „Habe mal meinen Freund Google gefragt. Der hat mir dann gesagt das ich mit Dünger und Öl, Benzin, Kerosin oder sonst was eine Bombe bauen kann.“ Am Sonntagabend wird unter dem Namen _Bastian_ und dem Stichwort ResistantX auf der Website www.myvideo.com ein zwei Minuten langes Video eingestellt, in dem er den Amoklauf probt. Doch kaum hat Sebastian B. seine Tat begangen, reagiert auch das schnellste Medium der Welt, das Internet. Wenige Stunden nach seiner Tat löschen Forenbetreiber seine Nachrichten und sperren seine Profile. Sei es, um die Sensationslust einzudämmen. Sei es aus Angst vor Konsequenzen, die Puzzleteile, die zu dem Amoklauf führten, auf der eigenen Website zu behalten.

„Zu den Eltern hatten wir auch keinen Kontakt“

Und auch in der wirklichen Welt herrscht Erschütterung. Die Nachbarn der B.s können es am Montag nachmittag noch gar nicht fassen. „Wir wohnen seit 36 Jahren nebeneinander“, sagt die Nachbarin, „aber gekannt haben wir ihn kaum. Er hat nie gegrüßt, war immer schwarz gekleidet, zum Schluß trug er auch Tarnanzüge. Zu den Eltern hatte wir auch keinen Kontakt.“ Sebastian hat zwei jüngere Geschwister, der Vater ist Postbote, die Mutter Hausfrau. Die Familie wohnt hinter hohen Hecken in einem rot verklinkerten Einfamilienhaus in einer Wohngegend, die in den Fünfzigern und Sechzigern bebaut wurde.

Mehrere Polizisten haben sich am Nachmittag vor dem Haus versammelt. Einer, mit Gesichtsmaske und Helm, fragt Nachbarn, ob sie eine Leiter hätten. Kurz darauf sieht man, wie die Leiter ganz oben am Haus am Fenster des Spitzbodens angelehnt wird: Sprengsätze sollen geborgen werden. Sebastian B. selbst trug während seines Amoklaufs Sprengsätze am Körper. Da kommen die Großeltern B.s zu Fuß herbei, die Großmutter in beigefarbenem Mantel, der Großvater in hellbrauner Lederjacke. Die Nachbarin beginnt zu weinen: „Die tun mir so leid!“

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