https://www.faz.net/-gum-uv2p

Amokläufer von Blacksburg : Stummer Einzelgänger

  • -Aktualisiert am

Amokschütze voller Hass: Cho Seung-Hui Bild: AFP

Cho Seung-Hui hat bei seinem Amoklauf 33 Menschen getötet. Ein Blick in seine Biografie wird die Bluttat nie aufklären. Doch einige Details aus seinem Leben lesen sich wie Warnsignale: So war Cho etwa anderthalb Jahre vor seiner Tat in eine Psychatrie eingewiesen worden. FAZ.NET-Spezial.

          6 Min.

          Die ehemaligen Nachbarn der Familie Cho können es gar nicht glauben. Der ruhige Junge, der bis 1992 unter ihnen lebte, soll der Amokläufer von Virginia gewesen sein. Viel ist von der Familie nicht in Erinnerung. „Sie lebten zurückgezogen, auf zwei Zimmern im Souterrain“, berichtet eine einstige Nachbarin. Eine bescheidene Mietwohnung in ärmlichen Verhältnissen, ein unscheinbarer Stadtteil im Nordosten Seouls. „Den Vater haben wir nie zu Gesicht bekommen.“ Gelegentlich sah man die Mutter, der Sohn, Seung-hui, besuchte die nahe gelegene Grundschule. „Eine anständige und ruhige Familie mit guten Manieren“, meint die Vermieterin. Allerdings wurde inzwischen bekannt, dass der spätere Amokläufer der Polizei bekannt war und anderthalb Jahre vor seiner Tat in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden war.

          Vor fünfzehn Jahren, Seung-hui war gerade acht, zog das Ehepaar Cho mit Tochter und Sohn plötzlich aus. „Sie fanden das Leben hier zu hart und sagten, sie würden nach Amerika auswandern, obwohl sie da keinerlei Kontakte hatten“, erinnert sich die 67 Jahre alte Vermieterin Lim Bong-ae. Vater Cho aber suchte eine neue Chance und ein neues Leben in Amerika.

          Millionen Koreaner träumen

          Dort bringen sie es immerhin zu einem kleinen Betrieb, einer Reinigung. Ihren Kindern konnten sie eine College-Ausbildung bieten. Davon träumen Millionen Koreaner, und viele gehen hohe finanzielle Risiken ein, opfern sich auf, um ihre Kinder in Amerika ausbilden zu lassen, ihnen ein vermeintlich besseres Leben zu ermöglichen. Etwa 100.000 südkoreanische Studenten lernen an amerikanischen Universitäten, damit liegt Südkorea auf Platz eins vor Indien.

          Bei der Nachtwache
          Bei der Nachtwache : Bild: AP

          An der Hochschule des Amokläufers, Virginia Tech, sind 26.000 Studenten eingeschrieben, davon seien, so berichtete am Mittwoch die südkoreanische Zeitung „Joong Ang“, 1600 Asiaten und davon wiederum 763 Koreaner. „Ich habe Angst, dass die Amerikaner jetzt alle asiatischen Studenten wie Kriminelle behandeln“, zitiert das Blatt Lee Seung-wook, den Vorsitzenden der koreanischen Studentenvereinigung an der Virginia Tech. Ähnliche Befürchtungen spiegeln auch Befragungen südkoreanischer Medien in der Bevölkerung wider.

          Südkorea in Schock

          Die Erkenntnis, dass der Täter, dessen Amoklauf 32 Menschen das Leben kostete, ein Landsmann war, hat Südkorea in Schock versetzt. In hilflosem Aktionismus übt sich die Regierung. Präsident Roh Moo-hyun kondolierte innerhalb von zwei Tagen dreimal, am Mittwoch berief er eine Krisensitzung ein, an der auch Außenminister Song Min-soon teilnahm. Den offiziellen Beileidsbekundungen fügte Song noch einen persönlichen Brief an Außenministerin Rice hinzu. Der südkoreanische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Lee Tae-shik, kündigte an, er werde 32 Tage lang fasten, im Andenken an die 32 Opfer.

          Ein Regierungsbeamter in Seoul erklärte, die Regierung werde versuchen, negative Auswirkungen auf in den Vereinigten Staaten lebende Koreaner zu verhindern. Außerdem sollten Beeinträchtigungen der südkoreanisch-amerikanischen Allianz, die gerade erst durch ein Freihandelsabkommen gestärkt wurde, minimiert werden. Bei allen Spannungen sind die Vereinigten Staaten Südkoreas engster Verbündeter, Zehntausende amerikanische Soldaten sind seit dem Korea-Krieg im Süden der geteilten Halbinsel stationiert.

          Weitere Themen

          Tonnenweise Müll und Seuchengefahr

          Nach der Hochwasserkatastrophe : Tonnenweise Müll und Seuchengefahr

          Nach dem Hochwasser befinden sich im Kreis Ahrweiler weiterhin große Mengen Müll. Laut dem Landrat besteht Seuchengefahr. In Nordrhein-Westfalen entspannt sich die Lage – doch von Normalität kann noch nicht die Rede sein.

          Topmeldungen

          Impfgegner demonstrieren im Mai diesen Jahres in Concord im Bundesstaat New Hampshire.

          Delta-Variante : Amerikas Konservative bekommen Angst

          In den Vereinigten Staaten haben viele konservative Politiker und Moderatoren eine Corona-Impfung für unnötig erklärt. Die rapide steigenden Infektionszahlen durch die Delta-Variante scheinen zu einem Umdenken zu führen.
          2,50 Meter hoch, etwa 2,30 Meter breit: So sieht sie aus, die Zelle des Sports

          Lost in Translation (3) : Zelle des Sports

          Einmal live zugeschaut bei den Könnern in Tokio, schon zuckt der Leib. Corona sitzt im Nacken. Doch auch in der Zelle ist Sport möglich. Selbst wenn bei Liegestützen die Ellbogen an der Wand scheuern.
          Medaillen bitte, wir sind Briten: Adam Peaty stürzt sich in die Fluten

          Schwimmen bei Olympia : Rule Britannia

          Adam Peaty macht die Schotten hoch: Tom Dean gewinnt als erster Brite seit Henry Taylor 1908 Freistil-Gold. Und Duncan Scott legt noch Silber dazu. Team GB surft auf einer Erfolgswelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.