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Amokläufe unter Drogen : Nebenwirkung: Reizbarkeit

  • -Aktualisiert am

James Holmes Bild: dpa

Am Abend deutscher Zeit werden die Plädoyers im Falle des Amokläufers von Aurora verlesen. Der Täter stand unter Antidepressiva – wie die meisten jungen Amokläufer in Amerika. Sind Amokläufe auch Folge einer verfehlten Arzneimittelpolitik?

          Für die meisten Amerikaner ist der Anschlag in Charleston längst geklärt. Wie die Überwachungskamera der Emanuel African Methodist Episcopal Church zeigte, betrat Dylann Storm Roof am 17. Juni die Kirche, nahm zunächst an der wöchentlichen Bibelstunde teil und eröffnete dann das Feuer. Neun Mitglieder der traditionell schwarzen Gemeinde brachen tot unter den Schüssen des Einundzwanzigjährigen zusammen. Ein Motiv lieferte der Sohn weißer Südstaatler gleich mit. „Ich habe keine andere Wahl. Ihr vergewaltigt unsere Frauen und übernehmt die Herrschaft in unserem Land“, sagte er Tywanza Sanders, einem afroamerikanischen Besucher der Bibelstunde. Auch der Student brach nach einer Salve aus der Glock tot zusammen. Zwei Mitschuldige waren schnell gefunden - die Konföderierten-Flagge und die Waffe.

          Die orangefarbenen Plättchen, die Polizisten einige Monate vor dem Anschlag in der Jackentasche des „church killers“ entdeckt hatten, erregten dagegen kaum Aufmerksamkeit. Wie Roof an das in Streifen gepresste Suboxone kam, ein Medikament zur Behandlung von Heroin- und Morphiumsüchtigen, ist bislang nicht geklärt. Ein Freund beschrieb ihn als „pill popper“, der immer wieder mit Medikamenten und Rauschgift experimentierte. Wie viele Schmerz- und Schlafmittel, so zählen auch die orangefarbenen Plättchen zu den Arzneien, die unter amerikanischen Jugendlichen für den „recreational use“ kursieren. Suboxone hat aber nicht nur Nebenwirkungen wie Schweißausbrüche, Übelkeit und Kopfweh. Wie Rauschgift-Forscher der „CASA Columbia“ an der Columbia University beobachteten, kann das Medikament auch aufs Gemüt schlagen. „Die Konsumenten wirken high“, sagte Samuel Ball, der Chef der Gruppe. „Sie können reizbar werden oder deprimiert.“

          Dylann Roof

          Während noch offen ist, ob Dylann Roof vor der Tat Medikamente nahm, soll James Holmes, der Attentäter von Aurora, gewohnheitsmäßig Arznei konsumiert haben. Nach den Schüssen bei der nächtlichen „Batman“-Premiere in einem Kino in Colorado vor drei Jahren entdeckte die Polizei in seiner Wohnung eine Sammlung von Beruhigungsmitteln, Angstlösern und Antidepressiva. In den Minuten bevor der 27 Jahre alte Holmes damals zu dem Kino aufbrach, wo er zwölf Personen tötete und weitere 70 verletzte, soll er das Schmerzmittel Vicodin genommen haben.

          Seine Verteidigerin Katherine Spengler berichtete den Geschworenen zu Beginn des Mordprozesses Ende April auch, dass ihr Mandant vor dem Verbrechen wiederholt Hilfe gesucht habe. Eine Psychiaterin der University of Colorado, wo Holmes damals Neurowissenschaften studierte, verschrieb ihm das Antidepressivum Sertraline, einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Auf das erste Rezept folgte bald eine weitere Dosis. Sie soll dreimal größer als die erste gewesen sein. „Er wollte gestoppt werden, aber er konnte nicht gestoppt werden, weil er daran glaubte, den Kampf seines Lebens nur durch das Töten anderer Menschen beenden zu können“, beschrieb Holmes’ Anwältin seine wirren Gedanken. Holmes gab die tödlichen Schüsse zu, erklärte sich wegen psychischer Störungen aber für nicht schuldig.

          Nach einer Untersuchung der Zeitschrift „Mother Jones“ gehen fast zwei von drei der etwa 70 amerikanischen „mass shootings“ der vergangenen 30 Jahre auf das Konto junger, weißer Männer wie Roof und Holmes. „Die meisten nahmen Antidepressiva oder Angstlöser“, stellte Autor Stephen Singular bei den Recherchen zu dem Buch „The Spiral Notebook: The Aurora Theater Shooter and the Epidemic of Mass Violence Committed by American Youth“ fest. Die Obduktion des Attentäters Eric Harris ergab, dass auch er Luvox genommen hatte, bevor er am 20. April 1999 mit seinem Freund Dylan Klebold ein Blutbad an der Columbine High School in Littleton (Colorado) anrichtete. Da das Medikament bei Depressionen die Gemütslage beeinflusst, hatte das Marineinfanteriekorps dem Achtzehnjährigen wenige Tage vor dem Anschlag die Aufnahme verweigert. Auch Elliot Rodger, der am 23. Mai 2014 in Isla Vista sechs Studenten der University of California in Santa Barbara tötete, soll vor dem Verbrechen zu dem Angstlöser Xanax gegriffen haben.

          Rituell empörte man sich nach seinem Amoklauf über laxe Waffengesetze. Richard Blumenthal, Senator in Connecticut, rief aber auch zu einem Umdenken in der Gesundheitspolitik auf. „Wir brauchen Waffengesetze, die geistige Gesundheit einbeziehen. Das Land muss gesünder werden, um diese Wahnsinnstaten zu stoppen.“ Trotz der Hinweise seiner Eltern auf psychische Störungen war es dem 22 Jahre alten Rodger gelungen, Waffen zu kaufen.

          Die American Academy of Child and Adolescent Psychiatry stellte fest, dass in den vergangenen 20 Jahren immer mehr Kindern und Jugendlichen zwei oder mehr Psychopharmaka verschrieben wurden - obwohl die Wirkung bislang kaum erforscht ist. Dennoch greifen mehr als vier Millionen Amerikaner zwischen zwölf und 19 Jahren regelmäßig zu Antidepressiva und Mitteln gegen Aufmerksamkeitsstörungen - die auch auf Partys und Pausenhöfen weitergereicht werden.

          Weil der Charleston-Attentäter Dylann Roof bei einer Kontrolle Ende Februar kein Rezept für die orangefarbenen Suboxone-Plättchen in seiner Tasche vorlegen konnte, wurde er wegen Drogenbesitzes angeklagt. Die Ladenbetreiber des Einkaufszentrums Columbiana Centre hatten die Polizei gerufen, als der schwarzgekleidete Einundzwanzigjährige durch wirre Fragen auffiel. Sein Verhalten in der Mall schien ebenso wenig zu ihm zu passen wie die tödlichen Schüsse drei Monate später. „Er war kein schlechter Junge. Irgendetwas muss passiert sein“, sagte Roofs Stiefmutter Paige Hastings nach der Tat. Da Roof nach der Scheidung seines Vaters von Hastings aber meist in seinem Wagen kampierte, war die Wesensänderung wohl niemandem aufgefallen.

          FBI-Chef James Comey gab am Wochenende zu, auch die Behörden hätten versagt. Als Roof am 1. März mit Suboxone in der Tasche verhaftet wurde, durfte er nach den Bundesgesetzen keine Waffe mehr kaufen. Sein Name war aber nie mit einem Warnhinweis in die Datenbank National Instant Criminal Background Check System aufgenommen worden. Man hatte sich nicht richtig abgestimmt mit der Polizei in Roofs Wohnort West Columbia. Ein Fehler, wie Comey nun zugeben musste.

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