https://www.faz.net/-gum-98y61

Amokfahrer von Münster : Das rätselhafte Leben des Jens R.

  • -Aktualisiert am

Ort der Trauer: Vor dem Kiepenkerl in Münster liegen nach der Amokfahrt Blumen. Bild: dpa

Nach der Amokfahrt in Münster versuchen die Ermittler, sich ein möglichst genaues Bild des Täters zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei ein umfangreiches Dossier, das Jens R. Ende März bei einem sozialpsychiatrischen Dienst abgegeben hat.

          Es ist nicht einfach, für erschütternde Verbrechen wie die Bluttat von Münster angemessene Begriffe zu finden. Als Jens R. am Samstagnachmittag mit seinem VW-Campingbus in die Außenterrasse eines Lokals in der Münsteraner Altstadt gefahren war und dabei zwei arglose Gäste getötet und mehr als 20 weitere zum Teil schwer verletzt hatte, erschoss er sich selbst. Fachleute sprachen von einem „erweiterten Suizid“.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Das ist eine seltsame, in sich widersprüchliche Wortkombination. Während es sich beim Suizid um einen Freitod handelt, reißt ein Täter, der „erweiterten Selbstmord“ begeht, andere gegen ihren Willen mit in den Tod. In der Regel handelt es sich dabei zudem um Familienmitglieder oder nahe Angehörige. Doch wie Andreas L., der 2015 mit einem Germanwings-Flugzeug 149 Menschen mit in den Tod riss, kannte Jens R. seine Opfer nicht. Das Wort Amokfahrt beschreibt das Geschehen besser, das legen auch die bisherigen Ermittlungsergebnisse nahe.

          „Es sieht ganz so aus, dass es sich um einen psychisch labilen und gestörten Einzeltäter handelt, der offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich das Leben zu nehmen“, sagt der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag. Gleichwohl werde nach wie vor in alle möglichen Richtungen ermittelt, auch wenn es keinen Hinweise auf einen wie auch immer gearteten politischen Hintergrund gebe. Für eine von der Polizei zunächst vage für möglich gehaltene Verbindung ins rechtsextreme Milieu gibt es ebenfalls keine Belege.

          Die offenen Fragen der Ermittler

          Doch welches Motiv hatte R.? Der Minister bittet die Öffentlichkeit um Geduld. Zwar gebe es einen Anspruch auf gründliche Informationen, es gebe aber auch einen Anspruch auf gründliche Ermittlungen. „Nach der bisherigen Analyse und Auswertung der vorliegenden Dokumente, Spuren und Aussagen sind die Ermittlungsbehörden sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte“, teilte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Montagabend mit.

          Für die Ermittler bleibt aber noch viel zu enträtseln. Unklar ist etwa, wieso der 48 Jahre alte Mann zwei Nebenwohnsitze in Sachsen hatte und wie er an die Pistole kam, mit der er sich selbst erschoss. Einen Waffenschein besaß der ursprünglich aus dem sauerländischen Olsberg stammende Mann jedenfalls nicht, wie Reul berichtet. Wozu legte R. sich die unbrauchbar gemachte Kalaschnikow zu? Wozu hatte er sich die in Deutschland verbotenen „Polenböller“ beschafft, die sich in einem VW-Camper und in seiner Münsteraner Wohnung befanden?

          18 Seiten erschütternde Lebensbilanz

          Derzeit sind Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft damit beschäftigt, sich ein möglichst vollständiges Bild über das Leben von Jens R. in den vergangenen Jahren und natürlich vor allem der letzten Wochen vor der Tat zu machen. Eine wichtige Rolle dabei spielen mehrere Elaborate, die Jens R. in der jüngeren Vergangenheit anfertigte. Darin legt er Zeugnis ab über seine schweren psychischen Probleme sowie seinen Jähzorn und seine Aggressivität.

          Es handelt sich unter anderem um ein 18 Seiten umfassendes Papier, das die Polizei in der Wohnung von Jens R. im sächsischen Pirna fand. Es ist eine erschütternde Lebensbilanz, in der R. seinen Eltern zum Teil höchst abstruse Vorhaltungen macht. Angeblich haben sein Vater und seine Mutter ihn jahrzehntelang gedemütigt. Doch dann habe er seinen eigenen Weg gefunden und sei ein großer Industriedesigner geworden.

          Mehrere Wohnungen und fünf teure Autos

          Tatsächlich war Jens R. eine Zeitlang beruflich sehr erfolgreich. Ende der neunziger Jahre studierte er an der Fachhochschule Münster Design. Mit einem Kommilitonen gewann er für den Entwurf eines Spiegelschranks bei einer Ausstellung den Publikumspreis. R. entwarf Stühle, Verkaufsflächen, Lampen. Und auch für das Lampen-Design bekam er einen Preis. Durch den Verkauf des Patents und seiner Firma soll er zu erheblichem Wohlstand gekommen sein. Neben mehreren Wohnsitzen besaß er fünf Autos, darunter ausgesprochen teure Modelle.

          Nur wenige Tage vor seiner Todesfahrt verfasste Jens R. abermals eine ausführliche Lebensbilanz. Das Schriftstück, das Ermittler „Dossier“ nennen, steht bei der Suche nach Antworten auf die Frage im Mittelpunkt, ob es womöglich vorab Hinweise auf die Gefährlichkeit von Jens R. gegeben hat.

          Kontakt mit sozialpsychiatrischem Dienst

          Am 27. März erschien er beim sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts der Stadt Münster und bat darum, das umfangreiche Schreiben „seiner Akte beizufügen“, wie es in einer am Tag nach der Amokfahrt vom städtischen Gesundheitsamts verfassten Aktennotiz heißt. Aus der Notiz geht auch hervor, dass R. schon in den Jahren 2015 und 2016 sporadische Kontakte mit dem sozialpsychiatrischen Dienst hatte, dem Gesundheitsamt dann aber bis zum 27. März keine neue Informationen über ihn vorlagen.

          Im Gespräch mit R. am 27. März und aus seinem umfangreichen Schreiben hätten sich „keine Hinweise auf eine unmittelbar drohende Eigen- oder Fremdgefährdung“ ergeben. Am 29. März erschien R. dann noch einmal in der Verwaltungsabteilung des Münsteraner Gesundheitsamts, um eine Kopie desselben Schreibens abzugeben. „Auch bei diesem kurzen Kontakt mit einer Mitarbeiterin gab es keine Hinweise auf eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung“, heißt es in der Aktennotiz des Gesundheitsamts.

          Konsequente Präsentation als Opfer

          Jens R. beließ es am 29. März nicht dabei, dem Gesundheitsamt sein „Dossier“ persönlich zu überreichen. Am selben Tag wandte er sich auch an einen recht weit gefassten Personenkreis, der aus Angehörigen, Nachbarn und Bekannten bestand. Im Anhang seiner Mails befanden sich diverse Schreiben und in einigen Fällen auch das „Dossier“.

          Das beinahe 100 Seiten umfassende Dokument ist geprägt von Weinerlichkeit und Selbstmitleid. Seine Eltern hätten ihn seit der Geburt gegängelt, sein Vater sei geisteskrank, schrieb R. Auch sonst werde er von allen drangsaliert oder verleumdet. Nach einem Treppensturz im Jahr 2015 hätten Ärzte bei einer Operation gepfuscht und ihn zum Krüppel gemacht. Seither leide er unter schrecklichen Schmerzen, nach dem Eingriff hätten ihn zudem Versicherungen übers Ohr gehauen. R. präsentiert sich konsequent als Opfer von Misshandlung, Verschwörung und Betrug.

          Nachbar alarmierte Polizei

          Ein Nachbar, der das Elaborat von R. zugeschickt bekam, alarmierte die Polizei. Als Beamte R. in seiner Wohnung in Münster aufsuchten, trafen sie ihn jedoch nicht an. Weitere Handlungsbedarf sah die Polizei nicht, zumal strafrechtlich aktuell nichts gegen R. vorlag. Zwar liefen gegen ihn immer wieder Verfahren – unter anderem wegen Bedrohung, Betrug und Unfallflucht. Doch all diese Verfahren waren eingestellt worden.

          Derweil operierten Unfallchirurgen der Universitätsklinik Münster am Montag zwei Opfer der Amokfahrt abermals. Drei Opfer schweben weiter in Lebensgefahr.

          Weitere Themen

          Kölner Polizei setzt Islamisten fest

          Razzia im Morgengrauen : Kölner Polizei setzt Islamisten fest

          Womöglich hat die Kölner Polizei mit ihrer Razzia einen islamistischen Anschlag verhindert. Einer der Männer plante nach eigenen Worten „den Aufstieg in die höchste Stufe des muslimischen Glaubens“. Die Ergebnisse der Durchsuchungen geben Anlass zu erhöhter Vorsicht.

          Topmeldungen

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.
          Boris Johnson: Favorit auf das Premierministeramt in Großbritannien

          Großbritannien : CDU traut Boris Johnson positive Überraschung zu

          Boris Johnson dürfte heute das Rennen um die Regierungsspitze für sich entscheiden. Aus der CDU bekommt er Lob für seine Intelligenz. Der frühere Premier Tony Blair hält einen Brexit ohne Abkommen für ausgeschlossen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.