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Amokfahrer von Münster : Das rätselhafte Leben des Jens R.

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Mehrere Wohnungen und fünf teure Autos

Tatsächlich war Jens R. eine Zeitlang beruflich sehr erfolgreich. Ende der neunziger Jahre studierte er an der Fachhochschule Münster Design. Mit einem Kommilitonen gewann er für den Entwurf eines Spiegelschranks bei einer Ausstellung den Publikumspreis. R. entwarf Stühle, Verkaufsflächen, Lampen. Und auch für das Lampen-Design bekam er einen Preis. Durch den Verkauf des Patents und seiner Firma soll er zu erheblichem Wohlstand gekommen sein. Neben mehreren Wohnsitzen besaß er fünf Autos, darunter ausgesprochen teure Modelle.

Nur wenige Tage vor seiner Todesfahrt verfasste Jens R. abermals eine ausführliche Lebensbilanz. Das Schriftstück, das Ermittler „Dossier“ nennen, steht bei der Suche nach Antworten auf die Frage im Mittelpunkt, ob es womöglich vorab Hinweise auf die Gefährlichkeit von Jens R. gegeben hat.

Kontakt mit sozialpsychiatrischem Dienst

Am 27. März erschien er beim sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamts der Stadt Münster und bat darum, das umfangreiche Schreiben „seiner Akte beizufügen“, wie es in einer am Tag nach der Amokfahrt vom städtischen Gesundheitsamts verfassten Aktennotiz heißt. Aus der Notiz geht auch hervor, dass R. schon in den Jahren 2015 und 2016 sporadische Kontakte mit dem sozialpsychiatrischen Dienst hatte, dem Gesundheitsamt dann aber bis zum 27. März keine neue Informationen über ihn vorlagen.

Im Gespräch mit R. am 27. März und aus seinem umfangreichen Schreiben hätten sich „keine Hinweise auf eine unmittelbar drohende Eigen- oder Fremdgefährdung“ ergeben. Am 29. März erschien R. dann noch einmal in der Verwaltungsabteilung des Münsteraner Gesundheitsamts, um eine Kopie desselben Schreibens abzugeben. „Auch bei diesem kurzen Kontakt mit einer Mitarbeiterin gab es keine Hinweise auf eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung“, heißt es in der Aktennotiz des Gesundheitsamts.

Konsequente Präsentation als Opfer

Jens R. beließ es am 29. März nicht dabei, dem Gesundheitsamt sein „Dossier“ persönlich zu überreichen. Am selben Tag wandte er sich auch an einen recht weit gefassten Personenkreis, der aus Angehörigen, Nachbarn und Bekannten bestand. Im Anhang seiner Mails befanden sich diverse Schreiben und in einigen Fällen auch das „Dossier“.

Das beinahe 100 Seiten umfassende Dokument ist geprägt von Weinerlichkeit und Selbstmitleid. Seine Eltern hätten ihn seit der Geburt gegängelt, sein Vater sei geisteskrank, schrieb R. Auch sonst werde er von allen drangsaliert oder verleumdet. Nach einem Treppensturz im Jahr 2015 hätten Ärzte bei einer Operation gepfuscht und ihn zum Krüppel gemacht. Seither leide er unter schrecklichen Schmerzen, nach dem Eingriff hätten ihn zudem Versicherungen übers Ohr gehauen. R. präsentiert sich konsequent als Opfer von Misshandlung, Verschwörung und Betrug.

Nachbar alarmierte Polizei

Ein Nachbar, der das Elaborat von R. zugeschickt bekam, alarmierte die Polizei. Als Beamte R. in seiner Wohnung in Münster aufsuchten, trafen sie ihn jedoch nicht an. Weitere Handlungsbedarf sah die Polizei nicht, zumal strafrechtlich aktuell nichts gegen R. vorlag. Zwar liefen gegen ihn immer wieder Verfahren – unter anderem wegen Bedrohung, Betrug und Unfallflucht. Doch all diese Verfahren waren eingestellt worden.

Derweil operierten Unfallchirurgen der Universitätsklinik Münster am Montag zwei Opfer der Amokfahrt abermals. Drei Opfer schweben weiter in Lebensgefahr.

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