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Vereinigte Staaten : Zu früh für Romeo und Julia

  • -Aktualisiert am

Genarlow Wilsons Schicksal bewegt die amerikanische Nation Bild: AP

Silvester, Drogen, acht junge Männer, zwei Mädchen und eine Videokamera, so die Voraussetzungen für eine drakonische Strafe gegen einen jungen Schwarzen. Amerika debattiert über die Härte des Urteils - und Rassismus in der Rechtssprechung.

          Als sich das Fax mit der Entscheidung von Thomas H. Wilson, Richter am Kreisgericht des Landkreises Monroe im amerikanischen Bundesstaat Georgia, aus dem Gerät schob, vollführten Rechtsanwältin B. J. Bernstein und Juanessa Bennett, die Mutter des Gefangenen, ausgelassene Freudensprünge.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Doch der Jubel war verfrüht: Genarlow Wilson, inzwischen 21 Jahre alt und mit dem Kreisrichter gleichen Nachnamens nicht verwandt, wird vorerst weiter in Haft bleiben. Jedenfalls bis zum 5. Juli, dann wird ein Richter an einem anderen Kreisgericht im Landkreis Douglas entscheiden, ob Wilson auf Kaution freigelassen werden kann, bis eine höhere Instanz über seinen Fall abermals entschieden hat.

          Die Nation steht hinter Wilson

          Dieser Fall bewegt inzwischen die amerikanische Nation wie derzeit kein anderes Verfahren – sieht man vom Gezerre um die Haftzeit der wegen wiederholter Trunkenheit am Steuer zu Gefängnis verurteilten Hotelerbin Paris Hilton ab. Richter Thomas Wilson, der am 11. Juni die sofortige Freilassung von Genarlow Wilson verfügt hatte, dürfte mit seiner Begründung für die Aufhebung des früheren Urteils ausweislich jüngster Umfragen eine deutliche Mehrheit der Nation hinter sich haben.

          Wilsons Anwältin B. J. Bernstein ist zu nationaler Prominenz aufgestiegen

          „Wenn dieses Gericht oder jedes andere Gericht“, sagte Richter Wilson, „die Ungerechtigkeit nicht zu erkennen vermag, die hier geschehen ist, dann hat unsere Rechtsprechung das Ziel aus den Augen verloren, das zu erreichen wir immer angestrebt hatten.“

          Auf Video gebannt

          Seinen Ausgang genommen hat das Unheil, das bis heute über acht jungen Schwarzen aus Atlanta hängt, in der Silvesternacht 2003. Ein Klassenkamerad von Genarlow Wilson an der Douglas-County-Oberschule hatte in einem „Days Inn“-Motel in Atlanta zwei benachbarte Zimmer für eine private Silvesterparty gemietet. Für ausreichend Marihuana und Alkohol war gesorgt, zu den sechs Jungen aus der Oberschule gesellten sich auch zwei Klassenkameradinnen im Alter von seinerzeit 17 und 15 Jahren. Einer der Schüler nahm die ausschweifende Feier mit seiner Videokamera auf.

          Zum Beispiel filmte er, wie Genarlow Wilson, ein Schüler mit guten Noten und noch besseren Fähigkeit auf dem Footballfeld, sowie andere Klassenkameraden mit dem sichtlich schwer betrunkenen und berauschten 17 Jahre alten Mädchen Geschlechtsverkehr hatten – ob mit deren Einverständnis oder nicht ist bis heute umstritten. Zudem nahm er das 15 Jahre alte Mädchen und Genarlow Wilson beim Oralsex auf, wobei der junge Mann auf der „nehmenden“ und nicht der „gebenden“ Seite war.

          Am Neujahrstag 2004 berichtete das 17 Jahre alte Mädchen ihren Eltern, sie sei bei der Party in dem Motel von mehreren Klassenkameraden vergewaltigt worden, woraufhin die Eltern die Polizei verständigten und diese bei der Durchsuchung der Zimmer im „Days Inn“ allerlei Indizien fand – vor allem die Videoaufnahmen.

          Glimpfliche Strafen für die anderen Angeklagten

          Die Staatsanwälte stützten ihre Anklage gegen die sechs Oberschüler wegen Vergewaltigung und schweren Kindesmissbrauchs vor allem auf den Videobeweis, den die jungen Männer törichterweise selbst beigesteuert hatten. Fünf der Angeklagten bekannten sich vor Beginn des Hauptverfahrens schuldig und kamen mit glimpflichen Strafen davon.

          Allein Wilson beteuerte seine Unschuld, worauf er im Prozess vor einem Geschworenengericht im Februar 2005 zwar vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, aber wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen wurde, obschon der Augenschein des Videos und selbst die Aussagen der Mutter des 15 Jahre alten Mädchen nahelegten, dass jedenfalls der Oralsex nicht erzwungen war.

          Urteil mit Entsetzen aufgenommen

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