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Vereinigte Staaten : Zu früh für Romeo und Julia

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Dennoch traf Wilson die Härte der Strafe mit brutaler Wucht, denn nach einem 1995 verabschiedeten Gesetz steht in Georgia auf schweren Kindesmissbrauch eine Strafe von mindestens zehn Jahren Gefängnis ohne Bewährung. Sinn des drakonischen Strafmaßes war die Abschreckung potentieller pädophiler Straftäter. Nach dem weithin mit Entsetzen aufgenommenen Urteil gegen den Jugendlichen Wilson sprach sich selbst der Hauptverfasser des Gesetzes von 1995 für eine sogenannte Romeo-und-Julia-Zusatzklausel zu dem Gesetz aus.

Diese wurde denn auch vom Parlament in Atlanta im vergangenen Jahr verabschiedet, und danach ist es nunmehr keine Straftat mehr, sondern nur noch eine Ordnungswidrigkeit, wenn ein Jugendlicher bis 18 Jahre mit einem mindestens 14 Jahre alten Mädchen mit deren Einverständnis Sex hat – oder umgekehrt eine Jugendliche mit einem Jungen in entsprechendem Alter.

Justizminister Baker pocht auf die „alte“ Strafe

Die Höchststrafe für diese Ordnungswidrigkeit ist nun ein Jahr. Da aber das Gesetz nicht rückwirkend gilt, muss das Urteil gegen Genarlow Wilson wegen schweren Kindesmissbrauchs nach Ansicht des Justizministers von Georgia, Thurbert Baker, weiter Bestand haben – trotz des Entscheids von Kreisrichter Thomas Wilson, der am 11. Juni sein Urteil wegen einer Ordnungswidrigkeit gefällt und die sofortige Freilassung Wilsons nach fast zweieinhalb Jahren Gefängnis verfügt hatte. Der Kreisrichter habe seine Befugnisse weit überschritten, argumentierte Justizminister Baker und legte Berufung ein, über welche nun ein höheres Gericht entscheiden muss.

Dass Justizminister Baker der ranghöchste Schwarze in einem gewählten Amt im Bundesstaat Georgia und ein Demokrat dazu ist, hat die Debatte um den Fall Genarlow Wilson in eine andere Richtung gelenkt. Bislang hatte es in den Medien und im politischen Establishment zum guten Ton gehört, Wilson als Opfer einer heimlichen Rassenjustiz zu beschreiben, in welcher weiße Südstaatler mit ihren weltfremden Moralvorstellungen und uneingestandenen sexuellen Minderwertigkeitskomplexen an der heutigen schwarzen Jugend ein herzloses Exempel statuierten.

Wo verbirgt sich der Rassismus?

Der frühere Präsident Jimmy Carter setzte sich ebenso für Genarlow Wilson ein wie der schwarze Kongressabgeordnete John Lewis, ein geachteter Veteran der Bürgerrechtsbewegung, der seinen Wahlkreis in Atlanta seit 1987 im Repräsentantenhaus in Washington vertritt. Immerhin stellen schwarze Kommentatoren wie der bekannte liberale Radio- und Fernsehjournalist Tavis Smiley aber inzwischen die Frage, wo sich der Rassismus verberge, wenn Opfer und Täter schwarz seien, Schwarze unter den Geschworenen waren und der schwarze Justizminister aus prinzipiellen Erwägungen die Aufrechterhaltung eines ungewöhnlich harten Urteils fordere und sich der Kompetenzüberschreitung eines Kreisrichters widersetze.

B. J. Bernstein, die dank des Verfahrens inzwischen zu nationaler Prominenz aufgestiegene Rechtsanwältin von Genarlow Wilson, ist übrigens Weiße. Über ihren möglichen Einfluss auf Wilsons Entscheidungen, alle Angebote der Anklage in dem Verfahren und auch des Justizministers abzulehnen, mit einem Schuldbekenntnis eine wesentlich mildere Strafe zu erreichen, statt als eine Art nationaler Märtyrer viele Jahre im Gefängnis zu schmachten, werden in Pressekommentaren nun immerhin Fragen gestellt.

Das damals 15 Jahre alte Mädchen, das in der verhängnisvollen Silvesternacht von 2003 mit Genarlow Wilson etwas tat, was zum Beispiel auch zwischen Monica Lewinsky und Bill Clinton im Weißen Haus geschah, ohne dass dadurch nach der Expertenmeinung des früheren Präsidenten wirklich eine sexuelle Beziehung zwischen ihm und der damaligen Praktikantin bestanden hätte, ist heute 18 Jahre alt, unverheiratet und hat einen zweijährigen Sohn. Wie heute mehr als zwei Drittel aller schwarzen Kinder in den Vereinigten Staaten wächst auch er in einem Haushalt mit einer alleinerziehenden Mutter auf.

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