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Ameland : Jugendliche geben Gewalttaten im Ferienlager zu

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In einem Jungen-Schlafsaal dieses Ferienhauses soll es zu den Vergewaltigungen gekommen sein Bild: ddp

Sie waren selbst erst 14 und 15 Jahre alt und haben nur wenig jüngere Kinder brutal sexuell gequält: Drei Jungen haben sich bisher zu den Gewalttaten in einem Ferienlager auf Ameland bekannt. Waren die Betreuer überfordert?

          Schreckliche Gewaltszenen haben sich im Schlafsaal des Ferienhauses „Silbermöwe“ auf Ameland abgespielt. 13- und 14-Jährige wurden von ihren Ferienlagerkameraden nachts grausam gequält. Drei Jungen haben die Vorwürfe inzwischen zugegeben, sagte Staatsanwalt Alexander Retemeyer am Donnerstag in Osnabrück. Die Zahl der Täter ist aber wohl viel größer. Immer noch erscheint das Verhalten der Betreuer rätselhaft. Haben sie die Hilferufe ihrer Schutzbefohlenen schlicht nicht verstanden?

          Die Betreuer des Ferienlagers, das vom Stadtsportbund Osnabrück Ende Juni, Anfang Juli angeboten wurde, sind noch nicht richtig vernommen worden. Zunächst wollten sich die Ermittler einen Überblick verschaffen, um erst dann die Betreuer zu verhören, sagte Retemeyer. Ein Polizeisprecher sagte, die Ermittler wollten nach Möglichkeit bis zum Ende der Schulferien in Niedersachsen Anfang August mit den Vernehmungen fertig sein.

          Unten stand kleingedruckt: Keine Ausnahmen

          Fest steht, dass sich unter den bisher Beschuldigten Jugendliche befinden, die das maximale Teilnehmer-Alter der Ferienfreizeit bereits überschritten hatten. In der Ausschreibung für die zwei Wochen auf Ameland - die noch am Mittwoch von der Website des Stadtsportbundes gelöscht wurde - hieß es, die Ferienfreizeit sei für Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 14 Jahren. Unten stand kleingedruckt: Keine Ausnahmen. Der Vorsitzende des Stadtsportbundes, Wolfgang Wellmann, sagte, dass man das vom Grundsatz her auch so meine. „Es kommt immer wieder vor, dass Eltern mit dem Argument an den Stadtsportbund gelangen, ihr Kind sei seit Jahren mitgefahren und jetzt dürfe es nicht mehr“, sagte Wellmann. Unter diesen Umständen mache man dann in Rücksprache mit der Geschäftsleitung auch einmal eine Ausnahme. Das passiere dann aber auf besonderen Wunsch der Eltern. Solche Ausnahmen hat es laut Wellmann in der vierzig Jahre währenden Geschichte der Ferienfreizeit auf Ameland immer wieder gegeben.

          Einige Schüler flüchteten durch den Notausgang

          Bei der Aufarbeitung des Falls scheint das Wort „Fisting“ eine Rolle zu spielen, deutete Retemeyer an. Anscheinend ist dieser Begriff von den Jugendlichen gebraucht worden. Er stammt aus der Schwulen- und Sadomaso-Szene und bezeichnet Sexualpraktiken, bei denen Hand oder Finger in Vagina oder Anus eingeführt wird.

          Das Wort „Fisting“ scheint eine Rolle zu spielen

          Möglicherweise sei dieses Wort gefallen, aber die Betreuer hätten es nicht richtig einordnen können, sagte der ehrenamtliche Leiter des Ferienlagers, Dieter Neuhaus. Er selbst habe den Begriff erst im Nachhinein kennengelernt und ihn auch während des Ferienlagers nicht gehört. Das Ehepaar, das das Haus geleitet habe, in dem sich die Missbrauchsfälle abspielten, sei eher älter und gehöre schon seit vielen Jahren zum Betreuerteam.

          Bei den bisher bekannten Opfern sind laut Polizei keine medizinischen Untersuchungen durchgeführt worden, bei denen Verletzungen durch die Misshandlungen hätten festgestellt werden könnten.

          Die jüngsten und schwächsten nachts aus ihren Betten gerissen

          Neuhaus betonte, zwar hätten nicht alle der 39 Betreuer die Jugendleitercard besessen, alle seien aber fachlich qualifiziert gewesen. Insgesamt hätten 170 Kinder und Jugendliche an der Freizeit teilgenommen. „Es sind Leute, die pädagogisch geschult sind, die Erzieher sind oder in der Ausbildung zum Erzieher stehen.“ Zu dem Team hätten Berufstätige und Studenten gehört, die alle Erfahrung in der Kinderbetreuung hätten.

          In einer Unterkunft des Ferienlagers waren die jüngsten und schwächsten unter den 39 Jugendlichen der Gruppe nachts aus ihren Betten gerissen und in die Mitte des Saales gezerrt worden. Dann muss eine johlende Meute versucht haben, ihnen Colaflaschen oder Besenstiele in den Po zu stecken.
          „Wir gehen davon aus, dass maximal 13 Personen als Beschuldigte in Betracht kommen“, betonte Retemeyer. Insgesamt seien bislang 25 Jugendliche aus dem Schlafsaal verhört worden. Sechs von ihnen gelten mittlerweile als Opfer. Der Rest müsse noch vernommen werden, eventuell auch Jugendliche, die in anderen Unterkünften gewohnt haben. „Das könnte notwendig werden, um zu klären, wer was gewusst hat“, sagte Retemeyer.

          Auch Opfer sind zu Tätern geworden

          Die Opfer waren 13 und 14 Jahre alt, die bereits geständigen Täter 14 und 15 Jahre. Ein Junge hat inzwischen Geburtstag gehabt und ist jetzt 16. Allerdings seien wohl auch Opfer während des Ferienlagers zu Tätern geworden, sagte der Staatsanwalt.

          Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, warf den Betreuern vor, die aggressive Stimmung unter den Jugendlichen wohl nicht mitbekommen zu haben. Er könne sich dies nur damit erklären, dass die Betreuer selbst Urlaub gemacht und ihre Aufgabe nicht ordentlich erledigt hätten. Alle Betreuer bräuchten nicht nur eine pädagogische Ausbildung. Auch die Ehrenamtlichen müssten ein polizeiliches erweitertes Führungszeugnis vorlegen.

          Ein solches Führungszeugnis regte auch der SPD-Vizefraktionschef im niedersächsischen Landtag Uwe Schwartz an. Er forderte eine bessere Ausbildung für Jugendleiter und kritisierte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstag), die CDU/FDP-Landesregierung habe sich aus der Fort- und Weiterbildung fast komplett zurückgezogen. Mehrere Organisationen wiesen darauf hin, dass sie Schulungsmaterialien über Sexualität und Prävention entwickelt hätten.

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