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Amanda Knox : „Sie nannten mich einen Teufel“

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Amanda Knox während des Interviews für den Fernsehsender ABC Bild: REUTERS

Anderthalb Jahre nach ihrem Freispruch in Italien spricht Amanda Knox über den Mordprozess und ihre Zeit im Gefängnis. Dass das Verfahren neu aufgerollt wird, sei ein Gefühl, als müsste sie abermals „durch ein Feld mit Stacheldraht“ gehen.

          Die in einem Aufsehen erregenden Mordprozess in Italien freigesprochene Amanda Knox schließt ihre Teilnahme an einem angesetzten neuen Verfahren nicht aus. „Ehrlich gesagt, ich erwäge es“, sagte die amerikanische Studentin der Zeitung „USA Today“ in einem Interview. Die 25-Jährige, deren Freispruch im März aufgehoben wurde, veröffentlichte zugleich ihre Biografie mit detailreichen Schilderungen über ihre Zeit im Gefängnis.

          Knox war wegen des brutalen Mordes an ihrer britischen Mitbewohnerin Meredith Kercher im November 2007 zunächst zu 26 Jahren Haft verurteilt worden. Ihr italienischer Ex-Freund Raffaele Sollecito erhielt 25 Jahren. Der Ivorer Rudy Guede wurde in einem separaten Verfahren zu 16 Jahre Haft verurteilt. Knox und Sollecito saßen vier Jahre im Gefängnis, bevor sie 2011 im Berufungsverfahren freigesprochen wurden. Knox kehrte daraufhin in ihre Heimatstadt Seattle zurück.

          Im März kassierte das oberste italienische Berufungsgericht den Freispruch jedoch wegen „Gesetzesverstößen und logischen Fehlern“. Einen Termin für den Beginn des neuen Verfahrens gibt es noch nicht. „Meine Anwälte haben mir gesagt, ich bräuchte nicht teilnehmen“, sagte Knox „USA Today“. Dennoch erwäge sie eine Rückkehr. Es sei ihr wichtig sich zu sagen: ’Das ist nichts, was weit entfernt von mir geschieht und mir nichts bedeutet’. Auch wenn der Gedanke an eine Rückkehr „angsteinflössend“ sei.

          „Ich saß im Gerichtssaal und sie nannten mich einen Teufel...für sie war ich eine Mörderin“, sagte Knox in einem Interview mit dem Sender ABC. Doch in Wahrheit sei sie in der Mordnacht bei ihrem Freund gewesen, sie hätten Marihuana geraucht und Sex gehabt. Auf die Frage, ob sie an dem Mord beteiligt war, sagte Knox „Nein“. Die Polizei habe sie aber zu missverständlichen Aussagen gedrängt. „Ich war nicht dort“, fügte sie hinzu. Als das erste Urteil verkündet wurde, „konnte ich nicht mehr atmen“, berichtete die junge Frau. Zur bevorstehenden Neuauflage des Verfahrens sagte Knox in dem Fernsehinterview, dies sei ein Gefühl, als müsste sie abermals „durch ein Feld mit Stacheldraht“ gehen.

          Anlässlich des Erscheinens ihrer Biografie „Waiting to be Heard“ („Zeit, gehört zu werden“) äußerte sie die Hoffnung, dass die Familie des Mordopfers das Buch lesen würde. „Es ist mir wichtig, was Merediths Familie denkt“, sagte sie ABC. „Sie müssen mir nicht glauben. (...) Aber ich hoffe, sie versuchen es.“ Von ihrem Buch erhoffe sie sich, nun „wieder als Person angesehen zu werden“, sagte Knox der Moderatorin Diane Sawyer. Ihre Familie habe sie stets „zu hundert Prozent“ unterstützt, sagte Knox, die während des Interviews immer wieder Tränen unterdrückte.

          In ihrem 480 Seiten dicken Buch, für das sie einen Vorschuss von 3,8 Millionen Dollar (rund 2,9 Millionen Euro) erhalten haben soll, beschreibt Knox ihre Sicht des Mords an Meredith Kercher. Diese war in der Nacht zum 2. November 2007 halbnackt und mit durchschnittener Kehle in ihrem Zimmer gefunden worden. Vor ihrem Tod wurde sie vergewaltigt. Knox schreibt, sie sei nach Hause gekommen und habe Blutspuren im Badezimmer entdeckt, die Tür zu Kerchers Zimmer sei verschlossen gewesen. Raffaele Sollecito habe die Polizei gerufen.

          In dem Buch berichtet Knox auch von sexuellen Übergriffen im Gefängnis sowie von den Selbstmordgedanken, die sie in Haft hegte. Über ihr Leben in der Wohngemeinschaft mit Kercher und zwei Italienerinnen schreibt sie: „Marihuana war bei uns so normal wie Pasta.“ Sie berichtet auch über ihre sexuellen Kontakte. Als sie nach Italien ging, sei Sex für sie eine emotionale Sache gewesen. „Ich wollte das ändern“, schreibt sie. „Ich hasste es, von jemandem abhängig zu sein.“

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