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Alkoholkonsum bei Jugendlichen : Pfirsich-Tee mit Wodka

In der Singener Kinderklinik wurden letztes Jahr 70 Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung behandelt Bild: Marcus Kaufhold

Jugendliche greifen vermehrt zur Flasche und die Gewaltdelikte nehmen zu. Baden-Württemberg plant deshalb ein nächtliches Verkaufsverbot von Alkohol. Zu einem Problem ist vor allem das „Vorglühen“, die Sauforgien vor dem Disko-Besuch, geworden.

          5 Min.

          Es ist stockdunkel im Reutlinger Stadtpark. Von weitem ist die Silhouette eines kleinen Pavillons zu erkennen. Zwei Zigaretten glimmen in der Nacht. Ralf Brenner und Ulrich Hildebrand leuchten mit ihren Stabtaschenlampen auf eine Gruppe von Jugendlichen, die ihren Freitagabend trotz nasskaltem und regnerischem Wetter im Reutlinger Stadtpark verbringen. Ein Jugendlicher sagt: „Jetzt greift wohl die Staatsmacht durch!“ Und Hildebrand antwortet, kaum hat er an einer Plastikflasche geschnuppert: „Hey Leute, das riecht nach Jägermeister, das ist keine Brause!“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Brenner und Hildebrand sind Jugendsachbearbeiter der Reutlinger Polizei, mit ihren Streifengängen in Zivil wollen sie versuchen, Jugendliche vom exzessiven Alkoholkonsum abzuhalten und die sich daraus immer häufiger ergebenden Gewalttaten zu verhindern. Brenner leuchtet in die Büsche, der Strahl der Taschenlampe fällt auf eine große Jägermeister-Flasche. „Wem gehört die?“ Einige Jugendliche zücken ihre Personalausweise, ein Achtzehnjähriger gibt sich als Käufer aus. „Der Jägermeister stand aber bei denen, die noch nicht volljährig sind. Hey, erzählt mir nix“, sagt Hildebrand und kippt den Jägermeister ins Blumenbeet.

          Anisschnaps statt Apfelsaftschorle

          So ist es oft: Dreizehn- oder Vierzehnjährige schicken einen volljährigen Kumpel in den Supermarkt oder zur Tankstelle. Der kauft Wodka oder Billigschnaps. Auf Schulhöfen, in Parks oder an Tankstellen wird dann aus Red Bull, Pfirsichtee und Schnaps ein teuflisches Zeug gemischt. „Wir haben jede Woche einen Jugendlichen, der mit zwei Promille oder mehr ins Krankenhaus eingeliefert werden muss“, sagt Hildebrand. Er notiert sich Namen und Telefonnummern und geht weiter durch den Stadtpark.

          Auf einer kleinen Anhöhe stehen fünf Mädchen zusammen. Eine spielt ihren Freundinnen gerade einen Song des Hiphoppers „Massiv“ vor. „Darf ich fragen, was ihr trinkt“, sagt Hildebrand und hebt eine Plastikflasche vom Boden auf. „Apfelsaftschorle“ steht auf dem Etikett, gefüllt ist sie aber mit Anisschnaps. „Ich bin nicht die Einzige, die davon was getrunken hat“, sagt die etwas unsichere Diana. Brenner leuchtet in ihre Augen, die glasig und gerötet sind. Den Ouzo will sie von einer Schulfreundin bekommen haben. Diana ist 13. Wären die Polizisten eine Stunde später gekommen, hätten sie Diana nach Hause oder vielleicht sogar ins Krankenhaus bringen müssen, so sagen sie ihr nur, dass sie ihre Eltern anrufen werden.

          In Freiburg ist Alkoholkonsum in Teilen der Innenstadt verboten

          Reutlingen, eine wohlhabende Stadt mit 110.000 Einwohnern an den westlichen Ausläufern der Schwäbischen Alb, kämpft seit etwa drei Jahren gegen Alkoholexzesse Jugendlicher, die sich mit Fortschreiten der Nacht allzuoft zu Gewaltexzessen ausweiten – wie fast alle Städte in Baden-Württemberg. In den Karlsruher Straßenbahnen müssen die Stadtwerke nachts mehr Sicherheitspersonal gegen alkoholisierte Randalierer einsetzen. In Freiburg ist der Alkoholkonsum in Teilen der Innenstadt verboten, eine Sonderschicht der Polizei kontrolliert die Einhaltung des Verbots. In Konstanz ist das Alkoholtrinken an der Uferpromenade untersagt.

          Allein in der Singener Kinderklinik behandelten die Ärzte im vergangenen Jahr 70 Jugendliche mit Alkoholvergiftung, vor zehn Jahren zählten die Ärzte gerade mal fünf Fälle. Vor allem das „Vorglühen“, die kollektiven Sauforgien der Jugendlichen an Tankstellen oder auf Parkplätzen vor dem Disko-Besuch, ist zu einem Problem geworden. Die baden-württembergische Landesregierung arbeitet deshalb gerade an einem Gesetzentwurf, mit dem der Alkoholverkauf von 22 Uhr bis fünf Uhr an Tankstellen, Kiosken und sonstigen Verkaufsstellen verboten werden soll.

          Auf Parkplätzen wird gefeiert und getrunken

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