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Aggressionsforscher : „Man kann Amokläufe verhindern“

Höchste Sicherheitsvorkehrungen am Freitagabend auf dem Münchner Marienplatz Bild: dpa

Nach der Bluttat von München gehen die Ermittler mit großer Sicherheit von einem Amoklauf aus. Christoph Paulus hat mehr als sechzig solcher Fälle untersucht und kommt zu dem Schluss: Amokläufer erkennt man schon im Vorfeld an vier Faktoren.

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          Unter den Dutzenden von Amokläufen, die Christoph Paulus von der Universität Saarbrücken statistisch untersucht hat, sind einige besonders bekannt geworden: Columbine, Winnenden, Erfurt und das Massaker an der Virginia High Tech. Sie alle eint die Persönlichkeitsstruktur der Täter. Doch das alleine würde noch nicht reichen: „Erst wenn die Anlage der persönlichen Eigenschaften auf ein ungünstiges Umfeld trifft, kommt es zum Amoklauf“, fasst Paulus seine Erkenntnisse zusammen. „Ich glaube, dass man diese Taten im Vorfeld verhindern kann.“

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

          Um anhand der bisherigen Taten herauszufinden, wie man Amokläufer erkennen und aufhalten kann, bediente sich Paulus zahlreicher Quellen. Psychologische Gutachten, Gerichtsakten, Tagebücher, Interviews mit den Eltern und sorgfältig überprüfte Fakten aus Zeitungsberichten ließen ein Bild der Täter entstehen. So konnte der Amok-Forscher vier Faktoren identifizieren, die typisch sind: Die Amokläufer interessierten sich für Waffen. Sie hatten Zugang zu Waffen. Sie neigten zu Aggressivität. Und sie zeigten deutliche Anzeichen einer psychischen Störung wie Narzissmus, Paranoia oder Psychopathie.

          Die Entstehung eines überzogenen, narzisstischen Selbstbildes ist ein Prozess, der Jahre dauert, erklärt Paulus. „Diese Menschen reagieren auf kleine, alltägliche Kritik schon extrem empfindlich. Oft grübeln sie: Warum sind alle gegen mich?“ Die Trauer über dieses Gefühl wandele sich langsam zu Ärger, dann zu Wut – „und Wut möchte raus“. Doch Amokläufer seien zwar aggressive, doch zugleich schüchterne Persönlichkeiten. Sie sähen keine andere Möglichkeit als die Wut in sich hineinzufressen. Diese psychische Störung führt zu einem seltsamen Weltbild. „Dass Amokläufer gemobbt wurden, ist entgegen der landläufigen Meinung die absolute Ausnahme“, sagt Paulus. „Sie isolieren sich selbst, wollen mit anderen nichts zu tun haben. Sie denken, sie stehen weit über anderen.“

          Das Gefühl: „Ich entscheide, wer leben und wer sterben soll“

          So gibt es Amokläufer, die im Vorfeld Sätze in ihr Tagebuch schreiben wie: „Ich bin viel besser als Gott. Ich entscheide, wer leben und wer sterben soll.“ Kommt dann noch ein familiäres Umfeld hinzu, das an den Schwierigkeiten wenig Interesse zeigt, sind alle Risikofaktoren vereint. Aus dem Gefühl, dauernd ungerecht behandelt zu werden, entsteht ein Feindbild, das keine konkrete Person meint. „Sie haben einen Hass auf die Welt, die Schule oder die Frauen. Dadurch sind es letztlich Stellvertreter, die bei einem Amoklauf umkommen. Sie sind nicht persönlich gemeint.“ Amokläufer wenden sich gegen jene, von denen sie sich bedroht fühlen. Bei Jugendlichen ist das meist die Peergroup. Bei Erwachsenen ist es der ehemalige Arbeitgeber oder ein Staatsanwalt oder Richter.

          „Männer sind prinzipiell aggressiver“, sagt der Saarbrücker Aggressions-Forscher Christoph Paulus
          „Männer sind prinzipiell aggressiver“, sagt der Saarbrücker Aggressions-Forscher Christoph Paulus : Bild: Universität des Saarlandes / Claudia Ehrlich

          Bei erwachsenen Amokläufern kommt außerdem häufig eine Initialzündung als Faktor hinzu: Sie tragen meist die Verantwortung für eine Familie und verlieren ganz plötzlich jede Zukunftsperspektive – etwa, weil die Ehefrau sie verlässt oder sie ihren Job verlieren. Wo viele Jugendliche im Vorfeld in Internetforen tönten „Ihr werdet noch von mir hören“, kündigen Erwachsene ihre Taten nicht an. Christoph Paulus stellte fest, dass sie sich allenfalls verbal äußern. Es fallen Sätze wie: „Wenn meine Frau mich betrügt, bringe ich sie um.“

          Der umgekehrte Fall ist selten, denn Amoklauf ist ein überwiegend männliches Phänomen. „Mir ist in Deutschland nur eine weibliche Täterin bekannt, globaler gesehen gibt es auch nur sehr wenige Fälle von weiblichen Amokläuferinnen“, sagt Christoph Paulus. „Männer sind prinzipiell aggressiver, Frauen strafen andere subtil auf soziale Art. Auch die Erziehung spielt eine Rolle: Mädchen bekommen zum Beispiel zu hören, man raufe nicht. Bei Jungen wird das eher akzeptiert.“

          Vom Plakat mit gemalten Waffen zu echten: Der Weg ist nicht weit

          Misstrauisch werden sollten Eltern, wenn sie das Kinderzimmer nicht mehr betreten dürfen. Oft fehlt auch ein echter Zugang zum Kind – und nicht erst seit dessen Pubertät. „Amokläufer haben im Gegensatz zu Serienmördern keine Misshandlung oder Vernachlässigung erlebt“, sagt Paulus. Die Kinder wurden stets gefüttert und warm genug angezogen, doch die emotionale Bindung zu ihren Eltern ist instabil. „Manche haben schon als Baby gelernt: Auch wenn ich schreie, kommt niemand; ich kann mich auf niemanden verlassen“, erklärt Paulus.

          Wenn die Risikofaktoren und Anzeichen sich häufen und jemandem auffallen, kann die Polizei eingreifen. Ein saarländischer Schulleiter etwa machte sie auf einen Jungen aufmerksam, dessen Kinderzimmer die Beamten daraufhin einen Besuch abstatteten. Es hing voller Plakate, die Waffen zeigten – solche Jugendliche häufen nicht selten auch echte Waffen an.

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