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Ägyptische Revolution : Liebe, Revolution, Willkür

Jetzt auseinandergerissen: Eliane und Ahmed vor seiner Inhaftierung Bild: privat

Der ägyptische Verlobte einer deutschen Studentin sitzt in Haft, weil er an die Revolution vor fünf Jahren erinnert hat. Sie kämpft für seine Freilassung.

          Eliane sah Ahmed zum ersten Mal auf dem Römerberg in Frankfurt und zum letzten Mal in einem Kairoer Gericht. Damals, im Sommer 2013 in Frankfurt, protestierte sie gegen die Muslimbrüder, die in Ägypten die Hoffnung auf Demokratie zunichte machten. Sie fühlte sich mitgerissen von den Revolutionen in der arabischen Welt und dem Gefühl, Weltgeschichte zu erleben. Der junge Mann mit den Locken und dem nachdenklichen Blick fiel ihr in Frankfurt gleich auf. Vor zehn Tagen im Gerichtssaal sah Ahmed Said dann ganz anders aus. Dünn und blass, die Augen hinter den Gitterstäben eher müde als nachdenklich.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Zwischen diesen beiden Begegnungen haben das Militär und Präsident Al Sisi den damaligen islamistischen Präsidenten Mohamed Mursi entmachtet. Eliane und Ahmed haben sich verlobt - und die ägyptischen Behörden haben ihn in ein Foltergefängnis gesteckt. Zwei Jahre soll er mit vier anderen Aktivisten dort bleiben.

          Polizisten in Zivil verhafteten Ahmed Said am Nachmittag des 19. November in einem Café in der Kairoer Innenstadt. Einige Stunden zuvor hatte er mit anderen Aktivisten schweigend auf der Brücke des 6. Oktober in Kairo gestanden: Es war der vierte Jahrestag besonders schwerer Zusammenstöße zwischen Polizisten und Demonstranten in einer Seitenstraße des Tahrir-Platzes, bei denen fast 50 Menschen ums Leben kamen. Fünf Jahre nach dem, was einmal hoffnungsvoll arabischer Frühling genannt wurde, reicht das offenbar in Ägypten, um eingesperrt zu werden.

          Er träumt von einem demokratischen Ägypten

          Zu Beginn dieses vermeintlichen Frühlings eilte Ahmed, der Gefäßchirurg ist und im Ausland gearbeitet hatte, noch mit der Reisetasche in der Hand auf den Tahrir-Platz. An jenem Tag vor vier Jahren behandelte er verwundete Demonstranten. Auch sonst unterstützte der 33 Jahre alte Arzt oft linke und liberale Aktivisten, er half Frauen, die von Regime-Schergen umzingelt und sexuell belästigt wurden. Auch aus Enttäuschung darüber, wie später die Islamisten mit Präsident Mursi die Revolution kaperten, ging er als Gastarzt an die Frankfurter Uniklinik.

          An jenem Tag im Juni 2013 auf dem Römerberg war er zu schüchtern, um Eliane anzusprechen. Sie fand ihn dann bei Facebook. Die beiden schrieben, trafen und verliebten sich. Ahmed, erzählt die 28 Jahre alte Eliane, mag deutsche Literatur und Philosophie und lernt Deutsch. Er schreibt Gedichte und träumt von einem demokratischen Ägypten, kann sich aber mit keiner Partei dort identifizieren.

          Ein ehemaliger Mitbewohner Ahmeds aus Frankfurt hat mit anderen eine Online-Petition für seine Freilassung gestartet. Sie organisieren Solidaritätskundgebungen, zuletzt am Samstag vor der ägyptischen Botschaft in Berlin und den Konsulaten in Frankfurt und Hamburg. Eliane harrt indes in der Nähe von Kairo bei der Familie ihres Verlobten aus und versucht von dort aus, die deutsche und ägyptische Öffentlichkeit auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Aus Sicherheitsgründen will sie ihren Nachnamen nicht nennen. Ihr fällt es schwer einzuschätzen, wie bedeutsam der Fall ihres Verlobten für den ägyptischen Staat ist, sie vermutet aber, dass man an Ahmed ein Exempel statuieren will.

          Das Urteil ist vertagt

          Das Engagement zeigt Wirkung: Inzwischen haben sich Bundestagsabgeordnete wie die Grünen Franziska Brantner und Omid Nouripour sowie der Linken-Politiker Niema Movassat für Ahmed Said eingesetzt. Auch Amnesty International fordert seine Freilassung. Zum Berufungsprozess am 13. Januar entsandte die EU einen Prozessbeobachter. Der Prozess war mehrmals verschoben worden, jetzt wurde auch noch das Urteil vertagt – und zwar auf Mittwoch, zwei Tage, nachdem sich der Beginn der ägyptischen Revolution am 25. Januar 2011 zum fünften Mal jährt. Eliane hofft, dass das Urteil nach dem vom Regime gefürchteten Jahrestag milder ausfallen wird, als es davor der Fall gewesen wäre. Doch das ist reine Spekulation. Die ägyptische Justiz handele willkürlich und unvorhersehbar, sagt sie.

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