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Tote Babys in Oberfranken : „Geht’s endlich weg“

  • -Aktualisiert am

Was ist hier geschehen? Die Spurensicherung untersucht das Haus, in dem acht tote Säuglinge gefunden wurden. Bild: AFP

In Wallenfels ist die Stimmung nach dem Fund acht toter Neugeborener gereizt. Warum tötete die Frau ihre Babys? Jetzt wurde die Fünfundvierzigjährige festgenommen.

          „Geht's endlich weg“, ruft eine Frau den Umstehenden zu. „Warum“, fragt einer der Journalisten frech. „Damit wir endlich wieder unsere Ruhe haben! Geht's endlich weg!“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Es ist ein trüber Tag in Wallenfels, und von Stunde zu Stunde wird er trauriger. Man habe zwei Babyleichen gefunden, heißt es am Freitagmorgen. Am späten Vormittag die Nachricht von der Polizei, sieben Säuglinge seien tot. Am Nachmittag sind es dann schon acht Leichname. Es ist Totenmonat in der oberfränkischen Kleinstadt, die an diesem trüben Herbsttag auch noch im Nebel versinkt.

          Seit Freitagmorgen werden die Leichname in der Rechtsmedizin Erlangen untersucht. Die Ergebnisse der Obduktion, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt, sind nicht vor Beginn nächster Woche zu erwarten. Es wird zu klären sein, wann die Kinder starben, warum sie ums Leben kamen, welches Alter und Geschlecht sie überhaupt hatten, und wie viele es tatsächlich sind. Denn acht muss nicht die letzte Zahl sein. Der Zustand der Leichen ist schlecht, sie lassen sich offenbar nicht ohne Weiteres zählen.

          Die Stimmung ist aggressiv

          Die Stimmung in der Stadt richtet sich nun gegen die Fremden, die mit Kamerateams und Übertragungswagen an der Jakob-Degen-Straße stehen. „Wir sind ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kennt“, sagt der Bürgermeister der Kleinstadt im Frankenwald, der selbst um Fassung ringt. Die Bestürzung in dem Ort, der im Dreieck von Coburg, Hof und Bayreuth liegt, scheint auch deswegen so groß zu sein, weil hier sonst nicht viel geschieht. „Das bei uns“, sagt ein Mann im Vorübergehen.

          Bürgermeister Jens Korn von der CSU spricht mehrmals mit den wartenden Journalisten. Immerhin kann er den Schock in Worte fassen. Viele Anwohner, Bekannte und Freunde sind sprachlos. Weil der Familienvater offenbar im Ort gut integriert war, mit vielen bekannt und in vielen Vereinen tätig, fragen sie sich nun, ob man etwas hätte ahnen können.

          Vermutlich ist das die falsche Frage. Denn wenn Mütter ihre Säuglinge töten, geschieht das in der Heimlichkeit des privaten Umfelds, meist allein im Badezimmer. Oft wissen nicht einmal die engsten Familienmitglieder von den Nöten der Frauen, die sich in schrecklichen Taten entladen. Obwohl sie lange Zeit haben, sich mit dem werdenden Leben zu beschäftigen, scheinen die Mütter oft nicht zu ahnen, wozu sie fähig sind. Sie verdrängen die Schwangerschaft so sehr, wie sie sie nach außen verheimlichen.

          So hat vermutlich auch in diesem Fall, dem schlimmsten in der jüngeren deutschen Geschichte, die nächste Umgebung einfach nichts mitbekommen – trotz der schier unglaublichen Tatsache, dass acht Schwangerschaften der Außenwelt verborgen geblieben sein müssen.

          Die ersten Hypothesen

          In den Schock und die Fragen mischen sich am Nachmittag auch die ersten Hypothesen. Die Mutter, die ebenfalls aus Wallenfels stammt, sei eben nicht so gut integriert gewesen ins Dorfleben. Aber sie sei eine lebenslustige Frau, die gerne ausgegangen sei. Im Sommer habe sie im Schwimmbad-Kiosk gearbeitet. Es habe sich um eine Patchwork-Familie gehandelt. Der Mann und die Frau brachten jeweils zwei eigene Kinder mit in die Ehe – und haben zusammen drei jugendliche Mädchen.

          Nach der 45 Jahre alten Mutter namens Andrea, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Mutter der getöteten Säuglinge ist und vor gut einem Monat aus dem Haus ausgezogen war, angeblich im Streit mit ihrem Mann, wird nun gesucht.

          Eine Nachbarin soll misstrauisch geworden sein und eine Babyleiche gefunden haben. Daraufhin verständigte sie Notarzt und Polizei. Die Polizisten fanden dann in der Nacht zum Freitag die Leichen, die in Tücher eingewickelt waren und in Plastikbehälter abgelegt. Der Zustand der Leichen lässt vermuten, dass sie schon lange so gelagert waren.

          Ist noch jemand im Haus?

          Der Familienvater wird am Freitag von der Polizei zu Vernehmungen abgeholt. Es ist am Nachmittag nicht klar, ob sich der Rest der Familie, nämlich die Großmutter mit den drei gemeinsamen Töchtern des Paars, noch in dem zweigeschossigen Haus an der Hauptstraße aufhält. Im zweiten Geschoss sind hinter den zum Teil herabgelassenen Rollladen Beamte der Spurensicherung zu sehen.

          Die Ermittlungsgruppe „Schlossberg“ wird nun laut Polizei noch sehr viele Personen befragen. „Es erfolgen auch weitere Durchsuchungsmaßnahmen“, sagt eine Polizeisprecherin. Vor allem das Haus, das mit seinem grauen Verputz einen so unscheinbaren Eindruck hinterlässt, soll noch genauer untersucht werden.

          Der Freitag endet trübe und traurig in Wallenfels. Die Anwohner, selbst neugierig und zahlreich erschienen, wollen zumeist nichts sagen. Zeichen der Anteilnahme sind nicht zu entdecken. Aber der Verkehr staut sich. Denn auch ungewöhnlich viele Privatwagen sind am Rand geparkt. Aus einem Auto werden die Schaulustigen fotografiert. Mit Ermittlungsarbeit dürfte das nichts zu tun haben.

          Am Abend wird die mutmaßliche Mutter der toten Babys festgenommen. Die Fünfundvierzigjährige gilt als tatverdächtig, sagte ein Sprecher der Polizei in Oberfranken. Man habe sie in einer Pension in Kronach ausfindig machen können. Sie war demnach in Begleitung eines 55 Jahre alten Mannes, der nun ebenfalls vernommen werden sollte. Weitere Einzelheiten nannte die Polizei mit Verweis auf die laufenden Befragungen und Ermittlungen nicht.

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