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Acht Leichen : Der Ripper von Long Island

  • -Aktualisiert am

Polizeibeamte durchkämmen das Gelände bei Oak Beach Bild: AFP

Oak Beach ist beschaulich und bodenständig, ganz anders als die glamourösen Hamptons. Mit dem Frieden ist es jetzt vorbei: Die Polizei hat acht Leichen junger Prostituierter gefunden.

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          Gus Coletti plagen Schuldgefühle. Wäre er doch nur ein bisschen mutiger, schneller, zupackender gewesen vor knapp einem Jahr, als Shannan Gilbert verzweifelt an seine Haustür klopfte. Vielleicht wäre die junge Frau dann nicht verschwunden? Aber der Rentner sah an diesem 1. Mai 2010 um kurz vor fünf Uhr morgens zu, wie die 24 Jahre alte Frau in Panik wieder davonlief, als er die Polizei zu Hilfe rufen wollte. Nächtelang hat er nicht geschlafen, schon damals nicht. Und noch jetzt fragt er sich, ob er Shannan Gilbert nicht hätte aufhalten können. Denn in jenen frühen Morgenstunden verlor sich ihre Spur in Oak Beach. So heißt das Stranddorf auf Long Island vor den Toren von New York, in dem Gus Coletti lebt. Shannan Gilbert ist nicht wieder aufgetaucht. Aber die Suche nach ihr hat eine ganze Serie grauenvoller Verbrechen ans Licht gebracht: In der Nähe von Oak Beach, wo sie zuletzt gesehen wurde, hat die Polizei acht verweste Leichen gefunden, drei davon in dieser Woche. Vier der acht Leichen sind bislang identifiziert – alles junge Prostituierte. Wie die vermisste Shannan Gilbert.

          Schon ist in der Lokalpresse vom „Long Island Ripper“ die Rede, in Anlehnung an den berüchtigten Londoner Prostituiertenmörder „Jack the Ripper“ vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Der Täter in Long Island ist bislang nicht gefasst, und am sonst so idyllischen Strand herrschen Angst und Entsetzen. Die Gemeinde Oak Beach, die von ihren Bewohnern wegen ihrer Abgeschiedenheit geschätzt wird, findet sich auf einmal als „Leichendeponie“ in den Schlagzeilen wieder und muss einen Ansturm von Polizei und Medien über sich ergehen lassen. Der 75 Jahre alte Gus Coletti sagt: „Das ist ein Albtraum für uns. Hoffentlich ist es bald vorbei.“

          Schon in den frühen neunziger Jahren gab es zwei spektakuläre Kriminalfälle, in denen Männer aus Long Island Prostituierte getötet haben. Der eine Täter soll 17 Morde begangen haben, der andere fünf. Beide wurden gefasst und verurteilt. Gus Coletti ist wie viele andere in Oak Beach ratlos, warum Long Island schon so oft Schauplatz für solche Verbrechen war. Er kann aber auch nachvollziehen, warum ein Mörder ein Terrain wie die Gegend um Oak Beach wählen würde, um sich einer Leiche zu entledigen: abgelegen und unwirtlich, mit dichtem, hohem Gestrüpp. Coletti, der seit mehr als dreißig Jahren hier lebt, ist sich sicher, dass der Mörder aus der Region stammt und mit dem Gebiet gut vertraut ist.

          Spurensuche in Oak Beach: Die Polizei sucht noch nach dem Mörder der acht Frauen
          Spurensuche in Oak Beach: Die Polizei sucht noch nach dem Mörder der acht Frauen : Bild: Reuters

          Jeder kennt jeden

          Das Dorf ist weit weg von dem Glamour, mit dem viele Menschen Long Island verbinden. Weit weg von den Nobelstrandorten in den „Hamptons“ etwa, wo sich im Sommer die Schönen und Reichen aus New York vergnügen. Oak Beach auf einer schmalen Insel unterhalb der Hauptinsel von Long Island bildet dazu ein bodenständiges Kontrastprogramm: Hier leben Familien, die weder arm noch übermäßig reich sind; die Leute sind Ärzte, Anwälte, Lehrer. Die meisten Häuser sind schlicht, ganz anders als die protzigen Villen in den Hamptons. Wo zwischen Böschungen und Bootsstegen ein paar Flecken Strand sind, führen Holzwege zum Ufer. Der Ort ist malerisch, aber auch ein bisschen rauh.

          Wer hierher zieht, sucht Ruhe. Oak Beach ist eine der wenigen „gated communities“ in der Gegend, also eine abgeriegelte Siedlung, die unerwünschte Besucher mit einer Schranke draußenhält. Es gibt 72 Häuser, das weiß Coletti aus dem Kopf, und keine einzige Kneipe. Natürlich kennt jeder jeden. Ein Spaziergang durch das Dorf am Donnerstagnachmittag ist ein bisschen gespenstisch. Auf den Straßen kaum ein Mensch. „An einem normalen Abend fahren vielleicht zehn Autos durch die Schranke herein“, berichtet Coletti. „Und genauso wollen wir das hier auch haben.“

          Es passte daher eigentlich gar nicht zum Selbstbild des Dorfs, als ein Nachbar von Coletti in der Nacht zum 1. Mai vergangenen Jahres eine ausschweifende Party mit einer Prostituierten feierte: Shannan Gilbert aus Jersey City. Der Nachbar hatte sie über den Online-Kleinanzeigendienst „Craigslist“ gefunden und angeheuert. Irgendetwas muss die Frau in dieser Nacht in Panik versetzt haben, sie rannte von der Party fort. Als sie bei Coletti klopfte und er ihr öffnete, kam sie kurz ins Haus, machte aber gleich wieder kehrt und verschwand in die Nacht. Wenig später sah eine Nachbarin sie noch einmal am Ufer.

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