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Abgasaffäre : Anwaltsnotizen bringen Rupert Stadler in Defensive

Bild: dpa

Der sogenannte „Jones-Day-Bericht“ erweist sich in der Aufarbeitung des Abgasskandals als ein wichtiges Beweismittel. Er belastet den ehemaligen Audi-Chef, der seine Hände in Unschuld wäscht, schwer.

          Nach dem Bekanntwerden der Anklage gegen Rupert Stadler war es einige Tage ruhig um den ehemaligen Audi-Chef gewesen. Wie die drei mitbeschuldigten Verdächtigen, denen die Staatsanwaltschaft München II ebenfalls „Betrug, mittelbare Falschbeurkundung sowie strafbare Werbung“ vorwirft, bereitet sich Stadler auf einen möglichen, langen Strafprozess vor. Bis heute weist der frühere Spitzenmanager jegliche strafrechtliche Verantwortung in der Abgasaffäre von sich.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Während seiner Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt in Augsburg-Gablingen, wo Stadler im vorigen Jahr aufgrund eines Haftbefehls wegen Verdunkelungsgefahr fast viereinhalb Monate einsaß, soll er in den Vernehmungen wenig zur Erhellung der Strafverfolger beigetragen haben. Anfangs soll Stadler noch angedeutet haben, mit den Behörden kooperieren zu wollen, dann aber von seinem Recht ausgiebig Gebrauch gemacht haben, zu den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen zu schweigen; in einem Rechtsstaat muss niemand sich selbst belasten.

          Umso wichtiger sind daher für die Ankläger die Dokumente und Niederschriften der amerikanischen Großkanzlei Jones Day, auf die Strafverfolger nach einer Razzia und einer Beschlagnahme Zugriff haben. Jones Day hat bei der Untersuchung des Dieselskandals mehr als 500 Anwälte auf der ganzen Welt eingesetzt. Hunderte von VW- und Audi-Mitarbeitern wurden befragt – bis hoch zur Konzernspitze um Rupert Stadler. Er alleine soll 2016 mehrfach von Anwälten über die Manipulationen an Diesel-Motoren befragt worden seien. Aus den Niederschriften geht hervor, dass Stadler zu Beginn der Affäre im September 2015 auf Nachfragen bei seinen Ingenieuren keine Hinweise auf Abschalteinrichtungen in Audi-Dieselfahrzeugen in Amerika erhalten hatte. Als Schicksalsdatum gilt eine Vorstandssitzung am 16. November 2015. Damals soll Stadler von Ulrich Weiß, Chef der Dieselmotoren-Entwicklung von Audi, von der „Defeat Device“ erfahren haben, heißt es in den Notizen der Anwälte von Jones Day, über die zuerst die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet hat.

          Die Kanzlei reagierte nicht auf eine schriftliche Anfrage der F.A.Z. bezüglich der Interviews mit Stadler. Dagegen erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München II am Dienstag, dass die Ergebnisse der Untersuchung der Kanzlei Jones Day als eines von vielen Beweismitteln in das Strafverfahren gegen die angeschuldigten Personen einfließen werde.

          Um den „Jones-Day-Bericht“ hatte es reichlich Kontroverse und einen Rechtsstreit bis zum Bundesverfassungsgericht gegeben. Die interne Untersuchung und die Einlassungen der Mitarbeiter von VW und Audi flossen in die Zusammenfassung des amerikanischen Justizministeriums ein. Dieses listete auf 86 Seiten in einem „Statement of facts“ auf, wie die Dieselmanipulation im Volkswagen-Konzern ablief, zitierte aus E-Mails und nannte auch Beschuldigte. Damit wurden aus Vorwürfen Fakten. Zu den aktuell bekannt gewordenen Berichten über die Befragung Stadlers durch die Anwälte von Jones Day wollte sich das Unternehmen am Dienstag auf Anfrage nicht äußern.

          Dass die Notizen, nach dem Segen des Bundesverfassungsgerichts im Vorjahr, nun als Argumente deutscher Strafverfolger maßgeblich werden könnten, hatte der Aufsichtsrat wohl so nicht vorausgesehen. Zwar versprach der Aufsichtsratsvorsitzende von VW, Hans Dieter Pötsch, im Herbst 2015 eine lückenlose Aufklärung des Skandals. Dabei ging es aber vor allem darum, sich mit den amerikanischen Behörden gutzustellen. „Das Statement ist Teil eines Schuldeingeständnisses, das VW abgegeben hat“, sagte Pötsch später in einem Gespräch mit der F.A.Z. . Auch deswegen sei es für VW unvertretbar riskant, einen eigenen zusätzlichen Bericht vorzulegen. Das Risiko könnte sich nun für Rupert Stadler verwirklichen.

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