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Nach Abschiebung : Ein Abou-Chaker will nicht im Libanon bleiben

Die Polizei durchsuchte im September 2020 mehrere Anwesen in Kleinmachnow. Bild: REUTERS

Aus Berlin wude Abdallah Abou-Chaker mit Hubschrauber und Privatjet in einer Blitzaktion in den Libanon abgeschoben. Doch der Intensivtäter aus der bekannten Clanfamilie plant offenbar schon seine Rückkehr.

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          Vor zehn Tagen griffen Beamte der GSG-9 in einer Blitzaktion zu. Vor einem Café in der Windscheidstraße im Berliner Stadtteil Charlottenburg nahmen sie Abdallah Abou-Chaker fest, als er für einen Moment den Gastraum verließ. Der 40 Jahre alte Mann ist Mitglied einer wegen ihrer kriminellen Aktivitäten bekannten arabischen Großfamilie (...). Laut mehrerer Berichte wurde Abdallah Abou-Chaker nach seiner Blitzfestnahme mit einem Wagen zu einem Hubschauer gebracht. Mit ihm wurde er aus Berlin heraus zu einem anderen Ort geflogen, an dem ein Privatjet wartete.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Mit dem Flugzeug wurde der mehrfach vorbestrafte staatenlose Mann in den Libanon abgeschoben. Dort kam er am Flughafen der Hauptstadt Beirut für eine Woche in eine Sammelzelle mit 35 anderen Personen, mittlerweile ist er auf freiem Fuß. Nach Angaben der „Bild“-Zeitung wurde er in ein Hotel gebracht. Seine Anwälte würden nun versuchen, die Abschiebung anzufechten.

          Wegen Zuhälterei, Rauschgifthandel und räuberischer Erpressung verurteilt

          Die Berliner Innenverwaltung hatte schon mehrfach versucht, den als Intensivtäter bekannten Mann abzuschieben. Doch hatte der Libanon sich geweigert, ihn aufzunehmen, wohl auch, weil seine Staatsangehörigkeit lange nicht offiziell feststand. Das hat sich nun geändert. In Deutschland hat Abdallah Abou-Chaker schon insgesamt zehn Jahre in Haft gesessen, er wurde unter anderem wegen Zuhälterei, räuberische Erpressung und Rauschgifthandels verurteilt. Ermittlungsverfahren gegen ihn hatte es zahlreiche gegeben. Zuletzt saß er im Februar in Untersuchungshaft, wurde aber er in einem Verfahren wegen des Verdachts auf Zwangsprostitution und Vergewaltigung freigesprochen.

          Posts aus dem Libanon: Abdallah Abou-Chaker dokumentiert in seiner Instagram-Story unter anderem den Besuch in einer Bar.
          Posts aus dem Libanon: Abdallah Abou-Chaker dokumentiert in seiner Instagram-Story unter anderem den Besuch in einer Bar. : Bild: Instagram / abdallah_svj

          Wieder auf freiem Fuß hat der Mann nun aus dem Libanon Fotos auf Instagram gepostet, die ihn entspannt beim Shisha-Rauchen zeigen, zudem sein Hotelzimmer mit Blick aufs Meer und einen Besuch in einer Bar am Hafen der Stadt. Auf die Nachricht eines Freundes, der hofft, ihn bald wieder in Berlin begrüßen zu dürfen, schrieb er: „Inschallah, bald bin ich wieder da“. Im vergangenen Jahr hatte Abou-Chaker, der angeblich kein Arabisch spricht, in Berlin eine weitere Duldung für zwei Jahre erhalten. Das Berliner Landesamt für Einwanderung hat zwar die „zwangsweise Durchführung einer Ausreiseverfügung“ bestätigt, aber keine weiteren Angaben gemacht. Klar ist aber, dass solche Maßnahmen nur ergriffen werden, wenn es ein entsprechend großes kriminelles Potential bei den Abgeschobenen gibt. Abdallah Abou-Chaker ist der älteste von vier Brüdern, die alle schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

          Die Familie Abou-Chaker ist neben der Familie Remmo besonders berüchtigt unter den „ethnisch abgeschotteten arabischstämmigen Strukturen“, wie die Clankriminalität im Sprachgebrauch der Berliner Polizei heißt. Besonders bekannt ist der mutmaßliche Clanchef Arafat Abou-Chaker. Vor dem Berliner Land­gericht läuft seit mehr als zwei Jahren ein Prozess gegen ihn und drei seiner Brüder. Es geht um Freiheitsberaubung, schwere räuberische Erpressung, Nötigung, gefährliche Körperverletzung und Beleidigung – und um viele Millionen Euro. Die Straf­taten sollen gegen den Sänger Anis Ferchichi, bekannt als Bushido, begangen worden sein, der einst ein Geschäftspartner von Arafat Abou-Chaker war. Arafat Abou-Chaker hatte an Bushido gut verdient, er hatte ihm dafür die Glaubwürdigkeit als Gangster-Rapper verliehen. Nachdem Bushido aus der Geschäftsbeziehung aussteigen wollte, sollen Arafat Abu-Chaker und seine Brüder ihn über Stunden festgehalten, bedroht und unter anderem mit einer Flasche geschlagen haben. Ob das Gericht, das im Januar sein Urteil sprechen will, die Straftaten als gegeben ansieht, scheint indes fraglich.

          Arafat Abou-Chaker und Bushido, der mittlerweile in Dubai lebt, hatten gemeinsam ein großes Anwesen in Kleinmachnow, einem bürgerlichen Vorort von Berlin gekauft, das 14,8 Millionen wert ist und nach dem Streit der beiden Männer aufgeteilt werden soll. Bei der Versteigerung des Anwesens im Juni ging es an den einzigen Bieter, Achmed Abou-Chaker, einen damals 19 Jahre alten Sohn von Arafat, der es für das Mindestgebot von 7,4 Millionen Euro erwarb. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Bochum im Zusammenhang mit der Versteigerung wegen des Verdachts auf Geldwäsche.

          In Berlin zählt die Polizei laut einem Lagebericht vom vergangenen Jahr fast 400 Clankriminelle. Dabei wurden im Laufe eines Jahres mehr als 1000 Straf­taten den Clans zugerechnet, vor allem ging es um Diebstahl, Raub und Rauschgifthandel. Die meisten Straftaten begingen Täter im Alter zwischen 18 und 25 Jahren.

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