https://www.faz.net/-gum-7zrfk

Fall Diren Dede : 70 Jahre Haft für Schüsse auf Austauschschüler

  • Aktualisiert am

Markus Kaarma Bild: AP

Strafmaßverkündung im Fall Diren Dede: Weil er den deutschen Austauschschüler nachts in seiner Garage erschossen hatte, muss der Schütze für 70 Jahre ins Gefängnis – das entschied nun ein amerikanisches Gericht.

          2 Min.

          Wegen der tödlichen Schüsse auf den Hamburger Austauschschüler Diren Dede ist der amerikanische Hausbesitzer Markus Kaarma aus Montana zu 70 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Eine Freilassung auf Bewährung komme frühestens nach 20 Jahren in Frage, entschied Bezirksrichter Ed McLean am Donnerstag in Missoula. Kaarma, der den Teenager nachts in seiner Garage erschossen hatte, war im Dezember der vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen worden.

          Bei der Anhörung im Bezirksgericht der Universitätsstadt in den Rocky Mountains versuchten Kaarmas Verteidiger am Donnerstag vergeblich, den Richter zur Milde zu bewegen. McLean wies ihren Antrag auf ein neues Verfahren oder eine Abmilderung des Urteils zurück. Auf vorsätzliche Tötung stehen in Montana zwischen zehn und 100 Jahre Haft. Der 30-jährige Kaarma hatte sich im Prozess auf Notwehr berufen.

          Die Verteidigung kündigte an, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen. Die Familie des Opfers strebt einen zusätzlichen Zivilprozess um Schadensersatz an, wie ihr Rechtsvertreter David Paoli mitteilte. Die Klage sei bereits eingereicht. Kaarma stand in seiner orangefarbenen Häftlingsuniform neben seinen Verteidigern und bat kurz vor dem Urteil um Verzeihung für seine Tat. „Ich habe getan, was ich für nötig hielt, um meine Familie und mich selbst zu schützen“, sagte er, ehe er abgeführt wurde.

          Richter McLean widersprach in der Urteilsbegründung dieser Darstellung: „Sie haben nicht ihr Zuhause beschützt, Sie waren auf der Jagd“, sagte er. „Ihre Angst entschuldigt nicht das Leid, dass Sie verursacht haben.“ Der heute 30 Jahre alte Täter stelle eine zu große Bedrohung für die Öffentlichkeit dar. „Sie sind wütend auf die Welt, und das ist offensichtlich an ihrem Verhalten, an der Sprache, die Sie verwenden“, sagte McLean. „Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen wie Sie nicht überreagieren.“

          Kaarma hatte Diren im April 2014 erschossen, nachdem dieser nachts in seine Garage eingedrungen war. Die Geschworenen in dem Prozess meinten, er habe den Jungen in eine Falle gelockt und kaltblütig hingerichtet. Hintergrund seien vorangegangene Einbrüche ins Haus der Familie gewesen. Die Verteidigung plädierte dagegen auf Notwehr. Über eine Revision muss ein höheres Gericht entscheiden.

          Die Partnerin des Täters hatte an das Gericht appelliert: „Markus mag Fehler gemacht haben, aber er ist kein gewalttätiger Mensch.“ Er sei ein Mann weniger Worte, der aber ein großes Herz habe und sich um seine Familie sorge. „Wir sind gute Leute, gute Eltern“, sagte sie. Die Mutter von Kaarma bat den Richter, dem 19 Monate alten Sohn der beiden nicht seinen Vater wegzunehmen.

          Anwalt hält Urteil für angemessen

          Der Rechtsvertreter von Direns Familie, Bernhard Docke, begrüßte das Strafmaß. „Entscheidend ist, dass das Verbrechen nicht ungesühnt bleibt“, sagte er dem Sender Radio Bremen. Nach amerikanischen Maßstäben sei das Urteil angemessen. Der Täter habe keine echte Reue gezeigt. Der angekündigten Revision misst Docke wenig Chancen auf Erfolg ein.

          Auch die Gasteltern des erschossenen Teenagers äußerten sich in emotionalen Bemerkungen vor Gericht. „Der Mord an Diren hat (unsere Leben) in einen Wirbelsturm aus Schock, Leid und Trauer verwandelt“, sagte Direns Gastvater. „Es hat all die Freude aus unserer Familie gesaugt. Jeder Tag zermürbt uns.“ Direns Vater reagierte zurückhaltend. „Ich bin nicht glücklich“, sagte er. „Er lebt. Er geht ins Gefängnis, aber er lebt. Mein Sohn ist tot“, sagte er mit Blick auf den Täter. Doch natürlich sei er froh, dass Prozess jetzt überstanden sei. „Wir müssen nach Hause gehen und weitermachen.“ In Hamburg reagierte Direns Familie mit Erleichterung. „Meine Mama hat geweint“, sagte Direns Schwester Basak. Die Familie sei von dem Strafmaß überrascht. „Ich hoffe, dass meine Familie jetzt zur Ruhe kommt“, ergänzte die 23-Jährige. „Für meine Mama ist wichtig, dass der Täter im Gefängnis sitzt.“

          Weitere Themen

          Zwei deutsche Skifahrer gestorben

          In Tirol : Zwei deutsche Skifahrer gestorben

          In Tirol sind am Montag an zwei unterschiedlichen Orten zwei deutsche Skifahrer tödlich verunglückt – Erste-Hilfe-Maßnahmen kamen für beide Männer zu spät.

          Mit der Mercedes G-Klasse in die Verbotene Stadt

          Chinas roter Adel : Mit der Mercedes G-Klasse in die Verbotene Stadt

          Obwohl das eigentlich verboten ist, durften zwei Frauen mit dem Auto in Pekings Verbotene Stadt fahren – und stellten ein Bild davon ins Internet. Viele Chinesen sind empört über die Dreistigkeit von Chinas Reichen und Mächtigen.

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Ein „harter Hund“? Klaus-Michael Kühne fordert stets viel als Investor – das macht nicht nur Freunde.

          Klaus-Michael Kühne : „Ich habe Opfer gebracht“

          Der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne hat in seiner Karriere viel erlebt. Im Interview spricht er über einen grünen Bundeskanzler, seinen Kummer mit dem HSV und die dunklen Schatten der Vergangenheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.