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60.000 Unschuldige eingesperrt : Die dunkle Vergangenheit der Schweiz

Ursula Biondi: Ein Jahr ohne jeden Kontakt nach außen in einer Zelle von acht Quadratmetern Bild: Jean Paul GUILLOTEAU/EXPRESS-REA

Noch bis 1981 sperrten Behörden in der Schweiz Personen ein, wenn sie als „moralisch verwahrlost“ galten, also vermeintlich der Norm nicht entsprachen. Jetzt geht es um Wiedergutmachung.

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          Ursula Biondi war 16 Jahre alt, als die Zürcher Behörden sie einsperren ließen. Als „Erziehungsmaßnahme“ steckte man sie im November 1966 ins Frauengefängnis Hindelbank im Kanton Bern. Ein Jahr verbrachte die junge Frau ohne jeden Kontakt nach außen in einer Zelle von acht Quadratmetern. Ohne richterlichen Beschluss musste sie unbezahlte Arbeit verrichten. Eine Straftat hatte die in Zürich geborene Italienerin nicht begangen. Aber sie war von einem Schweizer schwanger geworden, der dem geltenden Heiratsverbot unterlag, weil seine Scheidung von seiner früheren Frau noch nicht länger als eineinhalb Jahre zurücklag. Das Neugeborene wurde Biondi noch im Gebärsaal zur Zwangsadoption entrissen. Erst nach verzweifeltem Kampf bekam sie ihr inzwischen drei Monate altes Kind zurück.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          „Das Unrecht und die Auswirkungen der damaligen Behördenwillkür sind verheerend. Die psychischen und physischen Wunden, die mir während der Wegsperrung zugefügt wurden, begleiten mich bis an mein Lebensende.“ Dies schreibt die 69 Jahre alte Ursula Biondi im Schlussbericht der unabhängigen Expertenkommission, die im Auftrag der Regierung in Bern eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Geschichte aufgearbeitet hat: die sogenannte administrative Versorgung. Hinter dem bürokratisch-verharmlosenden Begriff steckt ein System, das für ordentliche und gesittete Verhältnisse in der Schweiz sorgen sollte und erst 1981 ein Ende fand. Wer als „arbeitsscheu“, „liederlich“ oder „trunksüchtig“ galt, konnte von den Behörden in Heime, Gefängnisse oder psychiatrische Anstalten gesteckt werden. Nach den Erkenntnissen der Forschergruppe sind im 20. Jahrhundert mindestens 60.000 Personen in 650 Anstalten eingesperrt worden, ohne dass sie irgendein ein Strafdelikt begangenen hatten.

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