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54 Jahre Haft : „Draußen wäre er längst tot“

  • -Aktualisiert am

„Am Leben vorbei gelebt” Bild: Edgar Schoepal - F.A.Z.

Hubert Niemann hat seine Reststrafe im Gefängnis abgesessen. Raus will er trotzdem nicht. Die meiste Zeit seines Lebens hat er schließlich im Knast verbracht. Und da möchte er, wenn's geht, am liebsten auch begraben werden.

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          „Ich habe viel Scheiße gebaut in jungen Jahren“, sagt Hubert Niemann und schaut auf den Gefängnishof. Lakonisch zieht er die Achseln hoch: „Kann man heute nicht mehr rückgängig machen.“

          Für zwei Morde, einen Mordversuch, eine Vergewaltigung und eine Reihe ähnlich schwerer Delikte hat er nahezu 54 Jahre im Knast verbracht. Und ist darüber 71 Jahre alt geworden. In der nächsten Woche hätte er seine Reststrafe abgesessen. Doch schon vor Weihnachten hat er den Leiter der Justizvollzugsanstalt Aachen, in der Niemann seit 1992 eine Einzelzelle bewohnt, inständig darum gebeten, in Haft bleiben zu dürfen. „Wo soll ich denn hin?“ fragt er. „Ich habe doch keinen mehr.“

          „Nichts mehr gehört und nichts mehr gesehen“

          Seine Eltern sieht Hubert Niemann immer noch deutlich vor sich, erzählt er, auch seine sieben Geschwister. Obwohl ihm deren Vornamen nicht so geläufig von den Lippen kommen wie die Geburtsdaten von Vater und Mutter, die er aufsagt wie ein Gedicht und fast genauso feierlich. Danach hält er einen Augenblick lang inne, senkt die Stimme und zieht abermals verlegen die Schultern hoch: „Ich habe von denen allen nichts mehr gehört und gesehen. Meine Eltern sind vermutlich längst tot. Aber gesagt hat mir das keiner.“

          Bei guter Führung ist in der Einzelzelle auch Fischzucht erlaubt

          Besuch oder Post von seinen Angehörigen hat er in all den Jahren nicht bekommen. Seit er in Aachen einsitzt, ist ein Sozialarbeiter der Haftanstalt sein ständiger Betreuer, so etwas wie Mentor, Bewährungshelfer und Familienersatz in einer Person. Von Manfred Ruick spricht Niemann darum mit großem Respekt. Der erklärt ihm schließlich den fremden Kontinent draußen, den er nur vom Fernsehen kennt und von den kurzen Ausflügen, die er an Ruicks Seite alle Jahre wieder zum Aachener Weihnachtsmarkt unternimmt, um wieder einmal „diesen Duft zu schnuppern“ und Süßigkeiten zu kaufen. Zweimal im Monat kommt für eine Stunde ein „Ehrenamtlicher“ ins Haus, wie Ruick sagt. Der ist auch schon über die siebzig und hat Verständnis für die Probleme, die Niemann zu schaffen machen - und von denen er anderen nur wenig und offenbar nicht gern erzählt: sein Herzleiden zum Beispiel und die allgemein nachlassenden Körperkräfte.

          Mit den Fischen sprechen

          Auf dem hinteren Flur in Haus 3 scheinen die Fußballfans und die Fischfreunde unter sich. Gäste werden gewöhnlich in dem eigens dafür eingerichteten Besuchsraum zu ebener Erde empfangen. Besuchern sind die Wohntrakte, wie man zu den Zellenkomplexen sagt, gewöhnlich nicht zugänglich. Wer offenkundig nicht zum allgemeinen Vollzugsdienst gehört und auch keine Uniform trägt, wird ziemlich unbefangen in alle Gespräche einbezogen: über das Layout der Anstaltszeitung „Printe“ so spontan wie ins Fachgespräch über Fischfutter oder über die Mannschaftsaufstellung der Aachener Alemannen.

          Der schweigsame Niemann hat eine Sonderstellung, deutlich ablesbar am demonstrativ freundlichen Umgangston, mit dem seine Flurnachbarn ihm begegnen. Vor allem aber an der Größe des Aquariums in seinem Zimmer. Behältnisse von höchstens siebzig Litern sind erlaubt - Hubert Niemann hat man ein fast doppelt so großes Aquarium gestattet: „Wegen guter Führung“, berichtet er nicht ohne Stolz. Natürlich lässt er einfließen, dass es Rotköpfe und Schwertträger sind, die er in dem wuchtigen Becken gleich neben seiner Pritsche züchtet. Also nicht irgendwelche Kaulquappen. Mit seinen Fischen spricht er, bevor er sie füttert. Er ist nicht maulfaul, flüchtet sich aber gern in Floskeln, bevor er allzu viel über sich preisgibt. Man weiß voneinander, warum jeder einzelne in Haft kam. Der eine oder andere hat es sogar in der Anstaltszeitung vermerkt: durchaus nicht kokett, das gehört unter „Knackis“ einfach zur Biographie. Die Lebensgeschichten sind Allgemeingut, muss man glauben, wenn man die Flurgespräche anhört. Auch wenn der Drogendealer, zu 15 Jahren verurteilt und von Rheinbach nach Aachen verlegt, nur dezent - und bescheiden genug - davon zu sprechen pflegt, dass er „wegen BtMG-Verstoß verurteilt“ worden sei.

          Bemerkenswerte Brutalität

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