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48 Jahre unschuldig in Isolationshaft : Gebrochen in der Todeszelle

Iwao Hakamada verlässt Todestrakt und Gefängnis im Rollstuhl, links seine Schwester Hideko, die ohne Unterlass für ihn kämpfte Bild: The Asahi Shimbun via Getty Imag

Fast 48 Jahre saß der Japaner Iwao Hakamada unschuldig im Gefängnis – aber sein Leiden hat noch immer kein Ende. Allen Gegenbeweisen zum Trotz hält die Staatsanwaltschaft am damaligen Urteil fest.

          Es fällt Hideko Hakamada schwer, über ihren jüngeren Bruder zu sprechen. 48 Jahre lang saß Iwao, mittlerweile 78 Jahre alt, in der Todeszelle in einem Hochsicherheitsgefängnis in Tokio – vermutlich unschuldig. 48 Jahre strenge Isolationshaft, 48 Jahre jeden Morgen aufwachen mit dem Gefühl, an diesem Tag könnte der Henker kommen. Das hat Iwao Hakamada zerstört.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Es war ein Auf und Ab“, sagt die drei Jahre ältere Schwester, die ihr Leben lang dafür kämpfte, die Unschuld des Bruders zu beweisen. Am 27. März wähnte sie sich endlich am Ziel. Das Bezirksgericht im zentraljapanischen Shizuoka – knapp eine Zugstunde südlich der Hauptstadt Tokio – entschied, Hakamadas Prozess müsse wiederaufgenommen werden. Der Gefangene wurde in die Freiheit entlassen.

          „Wenn jemand fast 48 Jahre lang eingesperrt wird, kann niemand erwarten, dass er gesund bleibt“, sagt die Schwester. Diabetes hat der Bruder über die Jahrzehnte bekommen. Ob er im Gefängnis immer die richtige Behandlung bekam, ist zweifelhaft. Zudem besteht der Verdacht, dass er dement ist. Vielleicht ist der geistige Abbau auch eine Folge der Haft. Am Ende habe er im Gefängnis nur noch Selbstgespräche geführt, sagt seine Schwester. Besuche wurden nur selten erlaubt, ein Fernsehgerät in der Zelle gab es nicht.

          Die Beweise für Hakamadas Unschuld sind erdrückend. Sogar Richter Hiroaki Murayama am Bezirksgericht in Shizuoka sagte bei der Urteilsverkündung, die Ermittler hätten beim Prozess gegen Hakamada im Jahr 1968 womöglich Beweise gefälscht. Neuere DNA-Untersuchungen entlasten den Verurteilten eindeutig. Pyjamahosen, die er bei der Mordtat angeblich trug, konnte sich der frühere Boxer schon damals nicht über die Oberschenkel ziehen. „Eingelaufen“, sagten die Ermittler lapidar. Die Indizien der Staatsanwaltschaft waren widersprüchlich und lückenhaft.

          Die Methoden sind „robuster“ als in anderen Rechtsstaaten

          Hakamada durfte das Gefängnis jetzt zwar verlassen, sein Zustand ist aber so schlecht, dass er seitdem in einem Krankenhaus in Tokio behandelt wird. „Er erholt sich Schritt für Schritt“, sagt die Schwester. Doch noch immer findet der Mann keine Ruhe. Die Staatsanwaltschaft ficht die Entlassung des alten Mannes aus der Todeszelle an. Sie besteht auf seiner Schuld – allen Gegenbeweisen zum Trotz. Schließlich habe Hakamada damals ein Geständnis unterschrieben. Die Art und Weise, wie dieses Geständnis zustande kam, sagt viel aus über das japanische Rechtssystem – das grundsätzlich bis heute nicht anders funktioniert.

          In den fünfziger Jahren war Hakamada ein bekannter Boxer. 16 Siege, einen durch K.o., weist die Statistik aus. Sein Leben bekam er aber nicht in den Griff. Er verwahrloste, machte Schulden. 1966 arbeitete er in einer Fabrik, die Miso herstellte, eine Paste aus Sojabohnen, mit der auch Miso-Suppen gekocht werden. Am 30. Juni 1966 brannte das Wohnhaus des Fabrikdirektors nieder. Am nächsten Morgen entdeckte die Polizei vier Tote im Haus, den Direktor, seine Frau und zwei seiner Kinder – alle waren erstochen worden. Außerdem fehlte Geld, umgerechnet ein paar hundert Euro, aber im Haus lagen Zehntausende Euro in bar unangetastet herum.

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