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32 Jahre nach dem Missbrauch : Polanskis Opfer steht auf seiner Seite

  • -Aktualisiert am

Roman Polanski Bild: ddp

Nach dem Missbrauch einer Minderjährigen verschwand der berühmte Regisseur aus Hollywood nach Europa. Jetzt, mehr als dreißig Jahre später, versucht er ein juristisches Comeback. Umso kurioser scheint, dass ihm heute sein Opfer zur Hilfe kommt.

          Zueinander gepasst haben Roman Polanski und Hollywood nie. Mit „Rosemaries Baby“ und „Chinatown“ spielte der Regisseur Rekordsummen ein und begeisterte die Kritiker. Er erschreckte aber immer wieder mit dunklen und sexuell bizarren Plots. Krude Vergewaltigungsversuche in „Was?“, Transvestitenszenen in „Der Mieter“ sowie Inzest in „Chinatown“ brachten dem polnisch-französischen Filmemacher in Amerika selbst in den freizügigen Siebzigern den Ruf eines Sonderlings ein: Genial, aber nicht der Typ, den man am Wochenende zum Barbecue einlädt.

          Dass Polanski nicht nur filmisch auf entlegeneren Pfaden wandelte als das übrige Hollywood, bewies er an einem milden Frühlingstag 1977. Mit der dreizehn Jahre alten Samantha Gailey fuhr der Regisseur damals nach Beverly Hills in die Villa des „Chinatown“-Darstellers Jack Nicholson, angeblich um Fotos für die französische „Vogue“ zu machen. Er trank mit ihr Champagner, gab ihr Drogen und nahm sexuelle Handlungen an ihr vor. Wie das Mädchen später vor Gericht in Los Angeles aussagte, hatte Polanski gegen seinen Willen oralen, vaginalen und analen Verkehr mit ihm. Bevor der Filmemacher verurteilt werden konnte, verabschiedete sich der damals Vierundvierzigjährige mit einem „Bis später, Jungs“ von seinen kalifornischen Anwälten und nahm das nächste Flugzeug nach Europa. Seitdem gilt er als Hollywoods berühmtester Flüchtling und der „Fall Polanski“ als einer der größten Skandale der Filmmetropole.

          Anlass seines juristischen Comebacks ist ausgerechnet ein Film

          Jetzt hat Roman Polanski aus seiner Heimat Paris beim Obersten Gerichtshof des Bezirks Los Angeles beantragt, nach mehr als 30 Jahren die Anklage wegen Unzucht mit Minderjährigen gegen ihn fallenzulassen. Anlass seines juristischen Comebacks ist ausgerechnet ein Film. Für ihre Dokumentation „Roman Polanski: Wanted and Desired“ hat die Regisseurin Marina Zenovich den Fall noch einmal aufbereitet und ist dabei auf Überraschungen gestoßen. Oder, wie Polanskis Anwälte Chad Hummel und Bart Dalton sagen, „auf ein Muster von Fehlverhalten und unerlaubter Kommunikation zwischen Oberstem Gerichtshof und Staatsanwaltschaft, unter Missachtung des Gesetzes und ohne Wissen des Angeklagten und seiner Verteidiger“.

          Roman Polanski 1970

          Was Zenovich in Form kurzer Interviews zusammengetragen hat, klingt abenteuerlich. Da soll der zuständige Richter Laurence Rittenband einen Prozessbeobachter gefragt haben, welche Strafe er für angemessen halte. Und er soll im vornehmen Hillcrest Country Club am Abend vor der Urteilsverkündung damit geprahlt haben, er werde den Regisseur „für den Rest seines Lebens“ einsperren. Noch mehr Zweifel an der Unbefangenheit Rittenbands lässt jedoch ein ehemaliger Staatsanwalt aufkommen, der vor Zenovichs Kamera zugibt, mit dem 71 Jahre alten Richter über das Strafmaß diskutiert zu haben. Zu der Zeit hatten sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Anwälte von Samantha Gailey und Roman Polanski schon darauf geeinigt, dass sich der Filmemacher des „rechtswidrigen Geschlechtsverkehrs“ schuldig bekennt und dafür mit den bereits abgesessenen sechs Wochen Haft bestraft wird. „Ich war die Maus, die für eine widerliche Katze zum Spiel herhalten musste“, beschrieb Polanski später den Zickzackkurs im Gerichtssaal.

          Faible für junge Frauen nachgesagt

          Schon vor dem Sexskandal eilte Rittenband der Ruf voraus, gern etwas von Hollywoods Glanz auf sich zu lenken. Mit viel Medienecho hatte der Jurist, dem ein Faible für junge Frauen nachgesagt wurde, schon Elvis Presley von Priscilla geschieden sowie bei Marlon Brandos Sorgerechtsstreit und Cary Grants Vaterschaftsklage geurteilt. Als „Richter der Stars“ lehnte er denn auch während der Verhandlungen im Fall Polanski kaum eine Interviewanfrage ab, gab Klatschreportern Hinweise auf das laufende Verfahren und ließ den Gerichtsdiener ein Album mit Zeitungsartikeln anlegen, in denen der Name Rittenband neben dem des prominenten Regisseurs erschien. Während der Anhörungen Anfang 1978 ließ der Richter Polanski immer wieder spüren, dass er die Hauptrolle spielte. Obwohl zwei vom Gericht bestellte Psychiater festgestellt hatten, dass der Filmemacher kein geistesgestörter Sextäter sei, verhängte Rittenband unbeirrt eine Gefängnisstrafe, um Polanski im State Penitentiary von Chino ein zweites Mal untersuchen zu lassen.

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