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300 Festnahmen : Großeinsatz gegen kalabrische Mafia

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Bei ihrem seit Jahren größten Einsatz gegen die Mafiaorganisation 'Ndrangheta hat die italienische Polizei mehr als 300 Verdächtige festgenommen. Auch der mutmaßliche Boss des Syndikats, Domenico Oppedisano, wurde verhaftet.

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          In der größten Anti-Mafia-Aktion seit Jahren haben italienische Sondereinheiten im Morgengrauen einen durchschlagenden Erfolg gegen die mächtige kalabrische 'Ndrangheta erzielt. Mit mehr als 300 Haftbefehlen rückten die Polizisten bei der Blitz-Operation unter dem Decknamen „Il crimine“ (das Verbrechen) in Kalabrien und im Norden Italiens an. Und als „Sahnehäubchen“ ihrer Großrazzien gelang es den Ermittlern, auch den 80 Jahre alten Domenico Oppedisano dingfest zu machen, der seit einem knappen Jahr als der „Boss der Bosse“ gilt.

          Die Sondereinheiten brachten eine lange Liste von Anschuldigungen gegen die Mafiosi der 'Ndrangheta mit - sie reicht von der Bildung krimineller Vereinigungen über Waffen- und Drogenhandel bis hin zu Mord, Erpressung und Wucherei. „Wir haben die 'Ndrangheta ins Herz getroffen“, freute sich Innenminister Roberto Maroni über den Coup.

          Der Clan hatte Beziehungen bis nach Australien und Amerika

          Vorausgegangen waren umfangreiche und lange Ermittlungen der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaften in Mailand und Reggio Calabria. Dabei sei es vor allem gelungen, „die Infiltration des italienischen Nordens durch die 'Ndrangheta zu dokumentieren“, teilten Ermittler mit. Die süditalienische Mafia-Organisation habe ihre illegalen Geschäfte in die verschiedensten Wirtschaftsbereiche des Nordens ausgeweitet. Im Zuge der Operation wurden erneut bewegliche Güter und Immobilien im Wert von mehreren zehn Millionen Euro beschlagnahmt. Und mit dem Boss der 'Ndrangheta in der Lombardei, Pino Neri, ging ihnen bei dem „Maxi-Blitz“ noch ein anderer großer Fisch ins Netz.

          Bild: F.A.Z.

          Herz und Hirn der „Krake“ 'Ndrangheta arbeiten in der Provinz Reggio Calabria, doch die mafiosen Tentakeln haben sich über die ganze Welt ausgebreitet, bis nach Australien und Amerika. Die Clans aus dem italienischen Süden gelten als „Marktführer“ im illegalen Drogengeschäft, vor allem beim Kokain. Sie verhandeln direkt mit den kolumbianischen Drogenbaronen. „Der 'Ndrangheta ist es gelungen, die wirkliche Holding des Drogenmarktes zu werden, und zwar dank ihrer verzweigten Organisation in allen Teilen der Welt“, erläutert der Anti-Mafia-Staatsanwalt von Reggio Calabria, Giuseppe Pignatone.

          In Reggio Calabria 120 Mafiosi verhaftet

          Von der Super-Razzia betroffen waren die Familienclans von Crotone bis Vibo Valentia. Allein in der Provinz Reggio Calabria kamen 120 Mafiosi hinter Gitter. Wobei es zu den Erkenntnissen der Ermittler gehört, dass sich die 'Ndrangheta inzwischen weniger in Familienclans organisiert, sondern einen hierarchischen, führungsbetonten Aufbau - nach dem Vorbild der sizilianischen Cosa Nostra - bevorzugt. Eine Familienfehde war es aber noch, die hinter dem 'Ndrangheta-Blutbad von Duisburg im August 2007 mit sechs Toten stand. Fachleute warnten mehrfach vor den verstärkten 'Ndrangheta-Aktivitäten in Deutschland.
          Es gibt kaum eine größere Anti-Mafia-Aktion in Italien, die nicht auch Querverbindungen zur Politik offenzulegen scheint. So soll Boss Neri Wahlen zugunsten des Berlusconi-Abgeordneten Giancarlo Abelli manipuliert haben. Gegen Abelli wird allerdings nicht ermittelt.

          Erst am Vortag hatten Mafia-Jäger bei zwei Razzien gegen die 'Ndrangheta und die neapolitanische Camorra Milliarden-Beute gemacht. Allein bei einem Unternehmer mit dem Spitznamen „Videopoker-König“ konfiszierten Beamte der Finanzpolizei wertvolle Bilder sowie 260 Wohnungen im geschätzten Gesamtwert von etwa 330 Millionen Euro. Das Gesetz erlaubt die „präventiven“ Beschlagnahmungen bereits dann, wenn nur der begründete Verdacht einer Zugehörigkeit zur Mafia besteht.

          'Ndrangheta - der kalabrische Arm der Mafia

          Lange Zeit stand die 'Ndrangheta in Kalabrien im Schatten der sizilianischen Mafia. Doch im Zuge der Fahndungserfolge in Sizilien seit Beginn der 1990er Jahre wendete sich das Blatt: Heute gilt die 'Ndrangheta mit einem geschätzten „Jahresumsatz“ von rund 40 Milliarden Euro als eine der mächtigsten Mafiaorganisationen Europas. Als wichtige Einnahmequellen gelten Kokain- und Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressungen.

          Die Wurzeln der Organisation reichen bis ins 19. Jahrhundert. Das Wort 'Ndrangheta leitet sich angeblich vom griechischen „andragathos“ ab, was „tapferer Mann“ bedeutet. In den Ursprungsjahren verdienten die „Tapferen“ ihr Geld vor allem mit Entführungen. Die 'Ndrangheta hat nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 7000 und 20 000 Mitglieder. Die traditionell mächtigsten Familien stammen aus der Hochburg San Luca.

          Zu den Rückzugs- und Operationsräumen der Organisation in Deutschland zählt nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes vor allem das Ruhrgebiet. So geht der sechsfache Mafia-Mord von Duisburg im August 2007 auf das Konto zweier verfeindeter 'Ndrangheta-Clans.

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