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Nach Amoktat : Münchner Ermittler werten 1750 Hinweise aus

Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch sagte am Donnerstag, sein schulisches Umfeld haben den Täter „in seiner Gedankenwelt stark beschäftigt“. Bild: dpa

Einer der Hinweise ist das von Ali David S. hinterlassene Schriftstück. Darin lässt er sich vor allem über Mitschüler und seine Psyche aus. Womöglich wurde er jahrelang gemobbt.

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          Der 18 Jahre alte Amoktäter von München hat sich in seinem in elektronischer Form verfassten mehrseitigen Schriftstück offenbar hauptsächlich über seine schulische Entwicklung, seine Mitschüler und seine psychiatrischen Erkrankungen ausgelassen. Seine schulische Situation und sein schulisches Umfeld hätten den Täter „in seiner Gedankenwelt stark beschäftigt“, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch am Donnerstag.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zu weiteren Hinweisen auf ein rechtsextremes Weltbild, über das die F.A.Z. am Mittwoch berichtet hatte, wollte sich Steinkraus-Koch nicht äußern. Zum jetzigen Zeitpunkt, wenn noch nicht das „gesamte Material“ ausgewertet sei, müsse man sich noch zurückhalten. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat indes die Recherchen zum rechtsextremistischen Weltbild des Amokläufers bestätigt. Demnach war Ali David S., der aus einer iranischen Familie stammt, stolz darauf, als Iraner und als Deutscher „Arier“ gewesen zu sein; ursprünglich gilt Iran als Heimat der Arier.

          Der Täter habe offensichtlich Sympathien für solches Gedankengut gehabt, sagte Herrmann bei der Klausurtagung des bayerischen Kabinetts in St. Quirin am Tegernsee. Ein Beleg sei, dass der Täter anscheinend stolz darauf gewesen sei, dass sein Geburtstag, der 20. April 1998, auf den Geburtstag Adolf Hitlers fiel. Auch die Sympathien des Täters für den norwegischen Attentäter Anders Breivik deuteten auf eine rechtsextremistische Gesinnung. Es gebe aber keine Erkenntnisse, dass er in rechtsextremistischen Netzwerke eingebunden gewesen sei.

          Mobbingopfer über mehrere Jahre?

          Die Staatsanwaltschaft MünchenI, die mit dem bayerischen Landeskriminalamt die Ermittlungen zur Amoktat mit neun Todesopfern leitet, setzt den Fokus zur Motivlage des Täters offensichtlich noch anders. Das Augenmerk liegt auf „dem Verhalten seines Umfelds ihm gegenüber“, das ihn beschäftigt habe. Hierzu verweist die Staatsanwaltschaft auf das Ermittlungsverfahren aus dem Jahr 2012, in dem der spätere Täter als „Geschädigter“ geführt wurde.

          Ali David S. wurde demnach auf dem Pausenhof seiner Schule von drei Mitschülern zunächst verbal und dann auch körperlich angegangen. „Verletzungen hat er aber nicht davongetragen“, sagte Thomas Steinkraus-Koch. Zwei Tage später hätten ihm diese drei Schüler auf dem Heimweg abermals aufgelauert und ihn wieder körperlich angegriffen. Bei seiner Vernehmung hat er aber außer „Schmerzen“ keine weiteren Verletzungen angegeben. Jedoch sagte er, dass er „die letzten vier bis fünf Jahre“ an seiner Schule gemobbt worden sei. Zwischen den Beteiligten – auch die Erziehungsberechtigten waren einbezogen – wurde dann beim Stadtjugendamt ein Täter-Opfer-Ausgleich erzielt, zu dem die Staatsanwaltschaft geraten hatte. Das Verfahren nach Jugendrecht wurde im Februar 2013 eingestellt, da eine „Aussöhnung“ zwischen den Beteiligten erreicht wurde.

          Die rund 70 Ermittler der Sonderkommission „OEZ“ sind nun weiter damit beschäftigt, die bislang rund 1750 Hinweise sowie die Datenträger des Ali David S. auszuwerten. Was aber in seinen Schriftstücken und insbesondere in Chatverläufen wirklich vom Täter stamme, was davon „real“ sei und was „Phanstasie-Konstrukte“, müsse erst geprüft und mit anderen Fakten verglichen werden, sagte Steinkraus-Koch, vor allem vor dem Hintergrund der psychiatrischen Erkrankung.

          Ein Mantrailer-Hund eingesetzt

          Als gesichert gilt bislang, dass er über ein Fake-Account bei Facebook Bekannte in das Schnellrestaurant einlud, in dem er seinen Massenmord begann. Unter den Opfern befinden sich aber keine dieser Personen, soweit diese unter ihren echten Personalien in dem Netzwerk angemeldet waren. Ali David S. wurde bis zu der Tat unter verschiedenen Vornamen wie „Ali Hamedani“ und „Daiv“ geführt. Nach Angaben des LKA konnten seine Eltern, die inzwischen vernehmungsfähig sind, „schlüssig“ klären, warum ihr Sohn unterschiedliche Vornamen hatte.

          Inzwischen wurden schon mehr als 1000 Dateien in das Upload-Portal der Polizei geladen. Videoaufnahmen von Augenzeugen und deren Aussagen sollen dabei helfen, die Täterbewegungen zu rekonstruieren. Zur Rekonstruktion wurde auch nochmals ein Mantrailer-Hund eingesetzt. Der Hund zeigte unter anderem eine Spur in einem Tiefgaragenkomplex in der Nähe des Ortes, wo der Achtzehnjährige sich später erschoss.

          Klären konnte die Polizei mittlerweile, wie es zu der unterschiedlichen Bekleidung des Täters auf verschiedenen Videofilmen kam. Auf einem Video, das den Achtzehnjährigen dabei zeigt, wie er vor dem Schnellrestaurant schießt, trägt er ein anderes T-Shirt als das Shirt, das er trug, als er sich vor Polizeibeamten erschoss. Ali David S. trug somit zur Tatzeit zwei T-Shirts übereinander. Das obere T-Shirt zog er zu einem bestimmten Zeitpunkt aus und versteckte es in seinem Rucksack, in dem es später sichergestellt wurde. Wo er das T-Shirt auszog, ist noch nicht bekannt.

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