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16 Tote bei Amoklauf in Kanada : Die Mordlust eines polizeibesessenen Zahntechnikers

An einer Tankstelle nahe in nahm die Polizei den Täter am Sonntag ins Visier. Bild: AP

Er restaurierte Streifenwagen, sein Haus war eine Art Schrein für die Polizei. Warum zog der Zahntechniker nun los, steckte Häuser in Brand und erschoss die Fliehenden? Kanada hat den schlimmsten Amoklauf seiner Geschichte erlebt.

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          Viele Kanadier sind stolz darauf, dass Amokläufe mit vielen Opfern in ihrem Land viel seltener vorkommen als in den Vereinigten Staaten. Die „Königliche Kanadische Berittene Polizei“ (RCMP) hat denn auch wenig Anlass, von typischen Verläufen solcher Massenmorde zu sprechen. Doch was sich am Wochenende in der dünn besiedelten Provinz Nova Scotia am Atlantik ereignete, wäre auch für die Kollegen im Nachbarland ein beispielloses Verbrechen.

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Zwischen dem späten Samstagabend und dem frühen Sonntagnachmittag tötete der offenbar wohlhabende Zahntechniker Gabriel Wortman nach vorläufigen Berichten mindestens 16 Personen an mehreren Tatorten, die Dutzende Kilometer voneinander entfernt liegen. Manche Opfer kannte er, andere nicht. Wortman verschaffte sich offenbar Zugang zu mehreren Häusern und tötete die Bewohner. Er setzte Häuser in Brand und schoss auf die Flüchtenden. Er trug zwischenzeitlich eine Polizeiuniform und fuhr einen ausgemusterten Streifenwagen. In dieser Montur hielt er ein Auto auf einer Landstraße an und erschoss die Insassen. Er setzte wohl zwei Polizeiautos in Brand, nachdem er eine Polizistin getötet und einen weiteren Beamten verletzt hatte.

          An einer Tankstelle auf der Hauptstraße, die in die Provinzhauptstadt Halifax führt, wurde er schließlich selbst von Polizisten erschossen. Die Opferzahl übertrifft die des bisher verheerendsten Amoklaufs in der kanadischen Geschichte: 1989 hatte ein junger Mann 14 Frauen an der Polytechnischen Hochschule von Montreal erschossen, um „den Feminismus zu bekämpfen“.

          Lag es am Corona-Lockdown?

          Die Behörden haben bisher erst wenige Details mitgeteilt und heben hervor, dass die Zahl von 16 Todesopfern (ohne den Täter) vorläufig sei. Augenzeugen und Bekannte des Täters haben kanadischen Reportern zwar viele Hinweise auf den Täter und den Tathergang gegeben. Völlig unklar bleibt dagegen das Motiv. Dass Wortman finanzielle Sorgen geplagt haben könnten, weil seine Praxis in Dartmouth bei Halifax wegen der Covid-19-Pandemie Mitte März vorübergehend geschlossen wurde, blieb zunächst reine Spekulation. Die Polizei sagt, sie prüfe diese Hypothese wie jede andere.

          Früher war es friedlich hier: Ein Bild von 2015 zeigt die am Sonntag erschossene Beamtin der Royal Canadian Mounted Police, Wachtmeisterin Heidi Stevenson, im Jahr 2015.
          Früher war es friedlich hier: Ein Bild von 2015 zeigt die am Sonntag erschossene Beamtin der Royal Canadian Mounted Police, Wachtmeisterin Heidi Stevenson, im Jahr 2015. : Bild: Reuters

          Ein Nachbar des 51 Jahre alten Täters sagte der Zeitung „The Globe and Mail“ aus Toronto außerdem, Wortman habe Probleme mit Alkoholmissbrauch gehabt. Neben seinem stattlichen Haus im beschaulichen Strandort Portabique an der Cobequid-Bucht mit nur rund hundert Einwohnern habe er sowohl dort, als auch anderswo in der Provinz Immobilien besessen. Nachbarn hielten ihn für einen Millionär.

          Als gesichert gilt, dass Wortman seit Schulzeiten geradezu besessen von Kanadas nationaler Polizei war, der „Royal Canadian Mounted Police“, die auf der ganzen Welt wegen ihrer traditionellen, roten Paradeuniform berühmt ist und für die nationale Identität der Kanadier eine große Rolle spielt. Schon im Jahrbuch von Wortmans Abschlussklasse wurde vorhergesagt, dass er einmal Polizist werden könnte. Stattdessen soll der Absolvent vor dreißig Jahren zunächst eine Ausbildung zum Bestatter angestrebt haben, bevor er auf Zahntechnik umsattelte.

          Ein fanatischer Polizei-Fan tötet eine Polizistin

          Wortman hat offenbar immer wieder ausgemusterte Streifenwagen ersteigert und wiederhergerichtet. Frühere Patienten berichten, dass der Zahntechniker ihnen davon erzählt oder Bilder gezeigt habe. Ein anderer Bürger aus dem nahegelegenen Ort Great Village wiederum berichtete, dass er vor wenigen Monaten bei Wortman geklingelt habe, um sich zu erkundigen, ob der in dessen Vorgarten stehende Streifenwagen zu verkaufen sei. Demnach war Wortmans Haus vollgestopft mit Polizei-Memorabilia. Das Haus sei ein regelrechter „Schrein für die RCMP“ gewesen. Zu überprüfen ist das wohl nicht mehr: Der Täter soll sein Haus angezündet haben.

          Insofern ist ungewiss, ob eine frühe Aussage von Polizeichef Chris Leather Bestand haben wird, der „die Tatsache, dass diese Person eine Uniform und einen Streifenwagen zur Verfügung hatte“ als Indiz gegen einen spontanen Amoklauf interpretierte. Gegen 22 Uhr am Samstagabend waren bei der Polizei erste Notrufe wegen Schüssen auf einem Grundstück in Portapique eingegangen. Noch während die Polizei dort ihre Kräfte verstärkte, gingen in der Strandgemeinde offenbar mehrere Häuser in Flammen auf. Über verzweifelte Facebook-Aufrufe versuchten weit entfernt lebende Kanadier herauszubekommen, ob ihre in Portapique lebenden Verwandten noch lebten. Etwas später in der Nacht setzte der Täter offenbar in rund 40 Kilometer Entfernung von Portapique weitere Häuser in Brand.

          Mutmaßlich der Täter: Nach dem Schusswechsel an der Tankstelle in Enfield wird ein Leichnam abtransportiert.
          Mutmaßlich der Täter: Nach dem Schusswechsel an der Tankstelle in Enfield wird ein Leichnam abtransportiert. : Bild: dpa

          Polizeichef Leather sprach von „weiteren Tatorten kreuz und quer durch die ganze Provinz“. Am frühen Sonntagmorgen identifizierte die Polizei öffentlich Wortman als den Täter. Gegen zehn Uhr am Vormittag warnten sie die Bevölkerung davor, dass er als Polizist verkleidet auftrete. Für eine vorherige Gewaltbereitschaft oder etwaige extremistische Ansichten hätten die Behörden keine Anhaltspunkte, hieß es noch am Sonntagabend.

          Ein flüchtiger Bekannter von Wortman überlebte dessen Amoklauf offenbar nur knapp. Der Bauunternehmer berichtete, er habe Wortman im vorigen Sommer kennengelernt, weil beide eine Leidenschaft für Motorräder teilten. Plötzlich habe er nun in voller Polizeimontur vor seinem Haus gestanden und an die Tür gehämmert. Der Zeuge will gesehen haben, dass Wortman in der einen Hand ein Gewehr und in der anderen eine kleinere Schusswaffe getragen habe. Offenbar war die Tür gut verschlossen, was in Nova Scotia nicht die Regel ist; Wortman zog weiter, ohne seinen Bekannten und dessen Frau zu töten. „Der war nicht unterwegs, um seine Feinde zu töten, der war hinter seinen Freunden her“, resümierte der Zeuge gegenüber „The Globe and Mail“.

          Trudeau will das Waffenrecht verschärfen

          Nachdem der vermeintliche Polizist ein Auto angehalten und die beiden Insassen erschossen hatte, gab er seinen Streifenwagen auf und stieg auf einen zivilen SUV um. An der zeitlichen Abfolge der Ereignisse blieb zunächst vieles unklar. Nach Medienberichten wurde die Wachtmeisterin Heidi Stevenson aber an dem Ort erschossen, an dem später zwei brennende Streifenwagen gesichtet wurden; ihr verletzter Kollege schwebte nach Angaben von Sonntag nicht in Lebensgefahr. In den meisten kanadischen Medien wurde ein Bild von Stevenson in roter Paradeuniform mit etlichen Grundschülern gezeigt. Stevenson war seit 23 Jahren Polizistin gewesen.

          Ministerpräsident Justin Trudeau bekundete Stevensons Angehörigen und der Polizei denn auch sein Beileid, äußerte sich ansonsten am Wochenende aber nur knapp. Kurz vor seiner Wiederwahl im Oktober hatte der liberale Politiker auf Kanadas wachsende Probleme mit Schusswaffen hingewiesen – ein Manöver, das nach Ansicht vieler Beobachter auch dazu diente, von seinem „Brownfacing“-Skandal abzulenken. Anders als in den Vereinigten Staaten müssen Waffenbesitzer einen Kurs absolvieren und eine Lizenz erwerben. Der Besitz oder Kauf von Jagdgewehren und Schrotflinten ist aber (außer in der Provinz Québec) nicht meldepflichtig. Handfeuerwaffen und halbautomatische Gewehre müssen dagegen registriert werden; die Überprüfung der Käufer kann dabei mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Zuletzt waren die Waffengesetze nach dem Massaker von Montreal im Jahr 1989 erheblich verschärft worden.

          Trudeau würde unter anderem gern halbautomatische Gewehre verbieten. Wohl auch deshalb sind die Waffenverkäufe seit seinem Amtsantritt 2015 in die Höhe geschnellt. Aus der neuesten vorliegenden Statistik für das Jahr 2018 geht hervor, dass die Zahl der meldepflichtigen Waffen binnen drei Jahren um fast ein Viertel auf mehr als eine Million zugenommen hat. Es gibt allerdings keine vergleichbar klare Statistik über eine Zunahme von Morden oder Selbstmorden mit Schusswaffen. Auch deshalb und wegen des Widerstands wichtiger Provinzen tat sich der aus Québec stammende Trudeau zuletzt schwer, strengere Waffengesetze durchzusetzen. Nach dem schlimmsten Amoklauf in der kanadischen Geschichte könnte sich das ändern.

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