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16 Tote bei Amoklauf in Kanada : Die Mordlust eines polizeibesessenen Zahntechnikers

An einer Tankstelle nahe in nahm die Polizei den Täter am Sonntag ins Visier. Bild: AP

Er restaurierte Streifenwagen, sein Haus war eine Art Schrein für die Polizei. Warum zog der Zahntechniker nun los, steckte Häuser in Brand und erschoss die Fliehenden? Kanada hat den schlimmsten Amoklauf seiner Geschichte erlebt.

          5 Min.

          Viele Kanadier sind stolz darauf, dass Amokläufe mit vielen Opfern in ihrem Land viel seltener vorkommen als in den Vereinigten Staaten. Die „Königliche Kanadische Berittene Polizei“ (RCMP) hat denn auch wenig Anlass, von typischen Verläufen solcher Massenmorde zu sprechen. Doch was sich am Wochenende in der dünn besiedelten Provinz Nova Scotia am Atlantik ereignete, wäre auch für die Kollegen im Nachbarland ein beispielloses Verbrechen.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Zwischen dem späten Samstagabend und dem frühen Sonntagnachmittag tötete der offenbar wohlhabende Zahntechniker Gabriel Wortman nach vorläufigen Berichten mindestens 16 Personen an mehreren Tatorten, die Dutzende Kilometer voneinander entfernt liegen. Manche Opfer kannte er, andere nicht. Wortman verschaffte sich offenbar Zugang zu mehreren Häusern und tötete die Bewohner. Er setzte Häuser in Brand und schoss auf die Flüchtenden. Er trug zwischenzeitlich eine Polizeiuniform und fuhr einen ausgemusterten Streifenwagen. In dieser Montur hielt er ein Auto auf einer Landstraße an und erschoss die Insassen. Er setzte wohl zwei Polizeiautos in Brand, nachdem er eine Polizistin getötet und einen weiteren Beamten verletzt hatte.

          An einer Tankstelle auf der Hauptstraße, die in die Provinzhauptstadt Halifax führt, wurde er schließlich selbst von Polizisten erschossen. Die Opferzahl übertrifft die des bisher verheerendsten Amoklaufs in der kanadischen Geschichte: 1989 hatte ein junger Mann 14 Frauen an der Polytechnischen Hochschule von Montreal erschossen, um „den Feminismus zu bekämpfen“.

          Lag es am Corona-Lockdown?

          Die Behörden haben bisher erst wenige Details mitgeteilt und heben hervor, dass die Zahl von 16 Todesopfern (ohne den Täter) vorläufig sei. Augenzeugen und Bekannte des Täters haben kanadischen Reportern zwar viele Hinweise auf den Täter und den Tathergang gegeben. Völlig unklar bleibt dagegen das Motiv. Dass Wortman finanzielle Sorgen geplagt haben könnten, weil seine Praxis in Dartmouth bei Halifax wegen der Covid-19-Pandemie Mitte März vorübergehend geschlossen wurde, blieb zunächst reine Spekulation. Die Polizei sagt, sie prüfe diese Hypothese wie jede andere.

          Früher war es friedlich hier: Ein Bild von 2015 zeigt die am Sonntag erschossene Beamtin der Royal Canadian Mounted Police, Wachtmeisterin Heidi Stevenson, im Jahr 2015.

          Ein Nachbar des 51 Jahre alten Täters sagte der Zeitung „The Globe and Mail“ aus Toronto außerdem, Wortman habe Probleme mit Alkoholmissbrauch gehabt. Neben seinem stattlichen Haus im beschaulichen Strandort Portabique an der Cobequid-Bucht mit nur rund hundert Einwohnern habe er sowohl dort, als auch anderswo in der Provinz Immobilien besessen. Nachbarn hielten ihn für einen Millionär.

          Als gesichert gilt, dass Wortman seit Schulzeiten geradezu besessen von Kanadas nationaler Polizei war, der „Royal Canadian Mounted Police“, die auf der ganzen Welt wegen ihrer traditionellen, roten Paradeuniform berühmt ist und für die nationale Identität der Kanadier eine große Rolle spielt. Schon im Jahrbuch von Wortmans Abschlussklasse wurde vorhergesagt, dass er einmal Polizist werden könnte. Stattdessen soll der Absolvent vor dreißig Jahren zunächst eine Ausbildung zum Bestatter angestrebt haben, bevor er auf Zahntechnik umsattelte.

          Ein fanatischer Polizei-Fan tötet eine Polizistin

          Wortman hat offenbar immer wieder ausgemusterte Streifenwagen ersteigert und wiederhergerichtet. Frühere Patienten berichten, dass der Zahntechniker ihnen davon erzählt oder Bilder gezeigt habe. Ein anderer Bürger aus dem nahegelegenen Ort Great Village wiederum berichtete, dass er vor wenigen Monaten bei Wortman geklingelt habe, um sich zu erkundigen, ob der in dessen Vorgarten stehende Streifenwagen zu verkaufen sei. Demnach war Wortmans Haus vollgestopft mit Polizei-Memorabilia. Das Haus sei ein regelrechter „Schrein für die RCMP“ gewesen. Zu überprüfen ist das wohl nicht mehr: Der Täter soll sein Haus angezündet haben.

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