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15 Jahren nach Erfurt-Amoklauf : Wissen, was damals geschah

  • -Aktualisiert am

Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 2010: Am Mittwoch jährt sich der Amoklauf zum 15. Mal. Bild: dpa

Es war der erste Amoklauf an einer deutschen Schule mit so vielen Opfern. Die Schulleiterin des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt erinnert sich an den Amoklauf vor 15 Jahren. Sie stand ganz oben auf der Liste des Täters.

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          An diesem Mittwoch soll zum ersten Mal die Glocke am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt erklingen. Ein 17 Jahre alter Schüler wird sie um elf Uhr elf Mal anschlagen. Anschließend werden Schüler musizieren und Texte vortragen sowie, akzentuiert durch Glockenschläge, die Namen der Opfer des 26. April 2002 verlesen. Und sie werden Blumen an der Gedenktafel am Gymnasium ablegen, auf der die Namen der 16 Menschen stehen, die vor 15 Jahren von einem ehemaligen Schüler kaltblütig erschossen wurden.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Namen der Opfer öffentlich zu nennen ist den Erfurtern wichtig – den Täter, so sagen sie, kenne die ganze Welt. Die gut 50 Kilogramm schwere Bronze-Glocke, aus Spenden finanziert, ist ein neues Element im Gedenken. Sie sollte eigentlich direkt auf dem Vorplatz des Gymnasiums gegossen werden. Doch dieser erste Guss im März schlug fehl, ein zweiter Versuch in einer Gießerei in Karlsruhe glückte. Für Direktorin Christiane Alt ist die Glocke „eine Helferin zur Ausgestaltung der Trauerrituale“. Die Idee dazu sei in einem Schulprojekt geboren worden, das sich der Aufarbeitung und dem Gedenken an den schrecklichsten Tag der Schule widmet. „Der 26. April 2002 gehört zur Geschichte unseres Hauses“, sagt Alt am Dienstag. „Wir legen wert darauf, dass alle – Schüler, Eltern und Lehrer – wissen, dass es diesen Tag gibt und was damals geschah.“

          Im Jahr 2010 haben die letzten Schüler das Gymnasium verlassen, die den Amoklauf noch selbst miterleben mussten. Christiane Alt, die damals wie heute das Gymnasium führt, hat wie durch ein Wunder überlebt – und ist geblieben. „Ich habe diese Schule 1991 gemeinsam mit 43 Kollegen gegründet“, sagt sie. Heruntergekommen sei das 1908 errichtete Gebäude gewesen, das sie mit viel Engagement und Hingabe nach dem Ende der DDR zu einem begehrten Gymnasium in der thüringischen Landeshauptstadt aufbauten. Das gemeinsame Projekt schweißte zusammen – bis zu jenem 26. April vor 15 Jahren. Die Tat von Erfurt schockierte das Land. Es war der erste Amoklauf an einer deutschen Schule mit so vielen Opfern.

          „Mal aufräumen“

          Christiane Alt, so rekonstruierten Ermittler später, habe ganz oben auf der Liste des Täters gestanden. Als der 19 Jahre alte Täter an jenem Vormittag um 10.45Uhr die Schule betrat, fragte er zuerst beim Hausmeister nach der Direktorin. Sie sei da, aber wegen der Abiturprüfungen nicht zu sprechen, sagte dieser. Danach zog sich der Täter in einer Toilette im Erdgeschoss eine Strumpfmaske über, nahm eine Pistole und eine sogenannte Pumpgun sowie mehrere hundert Schuss Munition, lief zum Schulsekretariat und erschoss um 10.58 Uhr die Sekretärin und die stellvertretende Direktorin.

          Die Schulleiterin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums: Christiane Alt
          Die Schulleiterin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums: Christiane Alt : Bild: ddp Images

          Christiane Alt befand sich zu dieser Zeit im Nebenraum, den der Täter jedoch nicht betrat. Alt schloss sich in ihrem Büro ein und alarmierte Polizei und Rettungsdienst, während der Neunzehnjährige seine tödliche Mission durch das Schulhaus fortsetzte. In der folgenden Viertelstunde erschoss er elf Lehrer und zwei Schüler. Letztere hatten sich in einem Klassenzimmer verbarrikadiert und wurden durch Schüsse durch die Tür tödlich getroffen. Bereits wenige Minuten nach dem ersten Notruf waren Polizisten am Tatort. Doch eine solch dramatische Lage war damals ausschließlich Sache des Spezialeinsatzkommandos. Das aber ließ auf sich warten.

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