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Schießerei in Kalifornien : Sie waren ausgerüstet wie für einen Kriegseinsatz

  • -Aktualisiert am

San Bernadino am Abend: Einsatzfahrzeuge in der Nähe des Autos, in dem beiden mutmaßlichen Angreifen von der Polizei erschossen wurden. Bild: Reuters

Mit Sturmgewehren und Sprengsätzen bewaffnet hat ein Paar eine Weihnachtsfeier nahe Los Angeles gestürmt. Die beiden töteten 14 Menschen und starben wenig später selbst im Kugelhagel. Nun rätselt die Polizei: Was trieb das Paar an?

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          Viele Amerikaner fühlten sich an den Sommertag vor 21 Jahren erinnert, als der Football-Star O.J. Simpson auf der Flucht vor der Polizei in einem weißen Geländewagen über Los Angeles’ Freeways fuhr: verfolgt von Streifenwagen und doch so ruhig, als drehe er einen Film. Die Bilder aus San Bernardino, die am Mittwoch die Vereinigten Staaten erschütterten, schienen ähnlich surreal. Während Sheriff John McMahon immer wieder vor das Mikrofon trat, um mit versteinerter Miene Details über den Anschlag auf die Sozialeinrichtung Inland Regional Center zu informieren, zeigten die Kameras der kalifornischen Fernsehsender den schwarzen Geländewagen, mit dem die mutmaßlichen Schützen durch San Bernardino rasten.

          Etwa vier Stunden nach dem Blutbad in der Sozialeinrichtung, bei der mindestens 14 Menschen starben und weitere 17 Personen verletzt wurden, hielten die Kameras auch fest, wie die Verfolgungsjagd endete. Die beiden Verdächtigen starben, als die Polizei den Geländewagen bei einem Schusswechsel mit Kugeln durchsiebte. Das Bild, das einen der mutmaßlichen Täter mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt zeigte, wurde wie O. J. Simpsons Fahrt durch Los Angeles live in Millionen amerikanische Wohnzimmer geschickt. „Zwei Verdächtige wurden getötet, ein Mann und eine Frau“, fasste Sheriff McMahon später zusammen.

          Spezialkräfte der Polizei umstellen ein Auto in dem die Täter mutmaßlich geflüchtet waren. Bilderstrecke
          Kalífornien : Schießerei mit zahlreichen Opfern in San Bernardino

          Was sich einige Stunden zuvor bei einer Weihnachtsfeier des Gesundheitsamtes des Landkreises San Bernardino im Inland Regional Center abgespielt hatte, drang in der Nacht zu Donnerstag dagegen nur bruchstückhaft nach außen. „Die Türen wurden aufgerissen, und die Kugeln begannen zu fliegen“, sagte Kathy Hotetz der Website „The Press Enterprise“. Ihre Schwester Denise Peraza, als Restaurantkontrolleurin beim Gesundheitsamt beschäftigt, warf sich auf den Boden und versteckte sich hinter einem Stuhl. Nach etwa 30 Sekunden verstummten die Schüsse, dann luden die Schützen abermals durch. „Sie sagten kein Wort und verschwanden“, berichtete Hotetz von den Erzählungen ihrer Schwester, die mit einer Schussverletzung ins Krankenhaus gebracht wurde. Als die Täter den Raum verließen, regnete es aus der Feuerlöschanlage auf die Toten und Verletzten herab. Die Einsatzkräfte fanden später Dutzende Menschen, die sich in Schränken und hinter Möbeln vor den Attentätern versteckt hielten.

          Schützen legten mindestens drei Bomben

          Die Überlebenden wurden an Leichen vorbei von schwerbewaffneten Polizisten nach draußen geführt, während Ermittler der amerikanischen Bundespolizei (FBI) sowie des Büros für Alkohol, Tabak, Waffen und Sprengstoff (ATF) Raum für Raum durchsuchten. Dabei fanden die Beamten mindestens drei Bomben, die die mutmaßlichen Schützen zurückgelassen hatten. Der Fund passt zum Bild, das die Ermittler bisher von den Angreifern gewonnen haben: Das Paar war schwerbewaffnet und offenbar für alle Eventualitäten gewappnet. Polizeichef Jarrod Burguan sagte: „Sie kamen gut vorbereitet. Wie bei einer Mission.“ Die Angreifer kamen in dunklen Tarnanzügen, trugen Sturmgewehre, Pistolen und Sprengsätze bei sich.

          Der palmengesäumte Parkplatz vor dem Inland Regional Center, einer Einrichtung für Patienten mit Entwicklungsstörungen, glich nach dem Angriff einem Lazarett. Schwerverletzte wurden auf Tragen zu Krankenwagen geschoben, leichter Verletzte humpelten auf Bekannte gestützt zu ihren Autos. Die Einsatzkräfte blockierten unterdessen die Zufahrten zu dem Gebäudekomplex an der Waterman Avenue, um Neugierige fernzuhalten. Vermummte Beamte eines Sondereinsatzkommandos durchstreiften auf der Suche nach den Tätern Straßen und Grünflächen, während Schulen und öffentliche Einrichtungen abgeriegelt wurden. Die etwa 500 Schüler der Victoria Elementary School in der Nähe des Inland Regional Center konnten das Schulgebäude erst bei Einbruch der Dunkelheit wieder verlassen.

          Wie nach den Schüssen während einer Bibelstunde in Charleston im Bundesstaat South Carolina wiederholte Präsident Barack Obama am Mittwoch abermals die Forderung nach strikteren Waffengesetzen. „Wir brauchen Regelungen, die auf gesundem Menschenverstand basieren“, sagte der Demokrat dem Sender CBS kurz nach dem Anschlag in San Bernardino. Menschen, die auf der schwarzen Liste der Fluggesellschaften stünden und keinen Flieger besteigen dürften, sollten auch nicht in der Lage sein, legal Schusswaffen zu kaufen. „Wir wissen noch nicht, aus welchem Motiv die Schützen handelten. Aber wir wissen, dass es Wege gibt, Amerika sicherer zu machen“, mahnte Obama.

          Das Motiv gibt Rätsel auf

          Der Anschlag in San Bernardino etwa 100 Kilometer östlich von Los Angeles gilt als das verheerendste „Mass shooting“ seit dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule vor drei Jahren. Damals hatte der 20 Jahre alte Adam Lanza 20 Erstklässler und sechs Erwachsene getötet, als er das Schulgebäude mit einem Sturmgewehr stürmte. Da Lanza nach dem Verbrechen Suizid beging, blieb sein Motiv um Dunklen.

          Auch über die Beweggründe der Schützen von San Bernardino wurde am Donnerstag weiter gerätselt. Der 28 Jahre alte Syed Farook, dessen Leichnam die Fernsehkameras neben dem schwarzen Geländewagen filmten, soll die Weihnachtsfeier im Inland Regional Center vor dem Anschlag abrupt verlassen haben. Wie kalifornische Medien meldeten, hatte sich der Mitarbeiter des Gesundheitsamts angeblich zuvor mit einigen Kollegen gestritten.

          Amerika : 14 Tote bei Schießerei in Kalifornien

          Ob Farook, ein gebürtiger Amerikaner muslimischen Glaubens, mit der ebenfalls auf der Flucht getöteten Tashfeen Malik verheiratet war, blieb offen. Auf einer Website für werdende Mütter hatte die Siebenundzwanzigjährige, die Farook nach Recherchen der „Los Angeles Times“ online in Saudi-Arabien kennenlernte, für vergangenen Mai aber die Geburt eines Kindes angekündigt. Vor der Fahrt zu der Weihnachtsfeier sollen die mutmaßlichen Schützen ihre Tochter bei den Großeltern abgegeben haben. „Ich kann kaum in Worte fassen, wie traurig ich über das bin, was heute passiert ist. Ich hatte keine Ahnung, dass er so etwas tun würde“, sagte Farooks Schwager Farhan Kahn bei einer Pressekonferenz des Rats für Amerikanisch-Islamische Beziehungen im kalifornischen Anaheim.

          Zu Spekulationen über einen terroristischen Hintergrund, die in sozialen Netzwerken laut wurden, hielten sich die Justizbehörden vorerst zurück. „Bislang haben wir keine Hinweise, dass die Tat mit Terrorismus im traditionellen Sinn in Verbindung steht“, sagte San Bernardinos Polizeichef Burguan. „Wir haben es hier aber offensichtlich mindestens mit einer Form von Inlandsterrorismus zu tun.“

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