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14 Jahre altes Opfer : Neuer Prozess um Strafmaß nach Gruppenvergewaltigung

  • Aktualisiert am

Die Angeklagten, ihre gesetzlichen Vertreter und Anwälte im Januar in Hamburg im Gerichtssaal Bild: dpa

Auf einer Feier in Hamburg wurde eine 14-Jährige 2016 Opfer von mehreren Vergewaltigern. Das Landgericht verhängte danach vor allem Bewährungsstrafen – jetzt wird über das Strafmaß neu verhandelt.

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          Auf einer Geburtstagsfeier eines Jugendlichen in Hamburg-Harburg wird im Februar 2016 eine 14-Jährige von mehreren jungen Männern vergewaltigt. Sie ist vollkommen betrunken und kann sich nicht wehren. Der erste Sex mit einem 16-Jährigen ist noch freiwillig, wie das Landgericht Hamburg später feststellt. Dann wird sie von einem 21-Jährigen missbraucht. Sie muss sich erbrechen und liegt völlig wehrlos auf einer Couch. Drei Jugendliche im Alter von 14 und 16 Jahren quälen sie nun sexuell, indem sie ihr nach Feststellung des Gerichts Gegenstände vaginal einführen. Die Jugendlichen filmen das Geschehen mit ihren Smartphones, ebenso wie eine 15-Jährige, die dabei den Tätern Regieanweisungen gibt.

          Als das Mädchen zu schreien beginnt, schleifen die Peiniger sie am frühen Morgen nach draußen und legen sie kaum bekleidet bei eisiger Temperatur in einem Hinterhof ab. Ein Nachbar hört die Schreie und ruft die Polizei. Das Mädchen wird wegen Unterkühlung und des erheblichen Alkoholkonsums auf eine Intensivstation gebracht. Bis zu den dramatischen Ereignissen lebte es in einer Einrichtung unter Aufsicht des Jugendamtes in Hamburg-Wandsbek.

          Die Tat vom 11. Februar 2016 schockiert viele Hamburger. Die Polizei nimmt zunächst drei der Täter fest. Zwei von ihnen flüchten aus einer Jugendeinrichtung und müssen abermals gefasst werden. Nach den beiden übrigen Tätern fahndet die Polizei öffentlich. Schließlich stellt sich der damals 21-Jährige, einen 16-Jährigen können die Beamten aufspüren.

          Am 20. Oktober 2016 verurteilt das Landgericht die vier Jugendlichen zu Haftstrafen von ein bis zwei Jahren auf Bewährung. Sie hätten die Taten gestanden und Reue bekundet, erklärt der Vorsitzende Richter. Der 21-Jährige, der den Missbrauch des Mädchens als einvernehmlichen Sex dargestellt hat, erhält eine härtere Strafe: vier Jahre Gefängnis. Freunde und Verwandte der Angeklagten begrüßen die Bewährungsstrafen im Gerichtssaal mit Jubel. Auch diesmal gab es für die Angeklagten wieder Unterstützung aus dem Familien- und Freundeskreis. Die Mutter eines Angeklagten gab im Gespräch mit Journalisten dem Opfer eine Mitschuld.

          Im Internet hatten nach dem ersten Prozess Zehntausende in einer Online-Petition gegen die Urteile protestiert. Staatsanwaltschaft und drei der Angeklagten legen Revision ein. Im Juli 2017 hebt der Bundesgerichtshof in Leipzig die Urteile teilweise auf, bestätigt jedoch die Feststellungen des Hamburger Landgerichts zum Tatgeschehen. Nun hat am Mittwoch ein neuer Prozess begonnen, vor einer anderen Großen Strafkammer am Landgericht. An den insgesamt sechs Verhandlungstagen soll es um eine rechtliche Neubewertung des Geschehens gehen.

          Der Bundesgerichtshof hat das Landgericht unter anderem aufgefordert, auch den Straftatbestand der Aussetzung zu prüfen. Das ist der Fall, wenn jemand eine Person in eine hilflose Lage und Lebensgefahr bringt. Sollte die Strafkammer das nun bejahen, könnten sich die Strafen verschärfen. Ferner muss das Gericht darüber befinden, ob die Angeklagten aufgrund der Handyaufnahmen auch wegen Herstellens jungendpornografischer Schriften zu belangen sind.

          In erster Linie geht es in dem Verfahren aber um einen schweren sexuellen Missbrauch einer widerstandsunfähigen Person. Der Gesetzgeber bezeichnet diese Straftat inzwischen auch als Vergewaltigung. Laut erstem Urteil wurde sie gemeinschaftlich begangen. Dass die Strafen im neuen Prozess härter ausfallen werden, ist fraglich. Ein Gerichtssprecher betonte, dass die Strafkammer auch berücksichtigen müsse, wie sich die Angeklagten in der Zwischenzeit verhalten hätten. Eine Befolgung der Bewährungsauflagen müsste ihnen positiv angerechnet werden. Der erwachsene Angeklagte, inzwischen 24 Jahre alt, befindet sich als einziger nicht auf freiem Fuß, sondern sitzt nach eigenen Angaben in der Sozialtherapeutischen Anstalt Hamburg.

          Vom Verlauf des neuen Prozesses wird die Öffentlichkeit nur wenig mitbekommen, denn die Jugendkammer schloss gleich nach der Personalienfeststellung der Angeklagten Zuschauer und Pressevertreter von der Verhandlung aus. Möglicherweise werde auch das Urteil zumindest in Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verkündet werden, sagte die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring. Die öffentliche Berichterstattung könne zur Bloßstellung, Verängstigung und Stigmatisierung der jugendlichen Angeklagten führen, was die erzieherische Einwirkung auf sie erschweren würde. Die Tat sei nicht in der Öffentlichkeit verübt worden und habe die Allgemeinheit nicht gefährdet. Das bloße Bedürfnis an Sensation überwiege darum nicht die schutzwürdigen Interessen der jugendlichen Prozessbeteiligten, erklärte die Richterin.

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