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Kriminalbiologe Mark Benecke : Der Führer hatte Mundgeruch

Doch in Moskau entschied Josef Stalin höchstselbst, was von dem Kiefer zu halten sei, nämlich: nichts. Die Beweise wurden zur Makulatur erklärt, der Feind blieb zur Fahndung ausgeschrieben. Kurz darauf sagte Stalin auf der Potsdamer Konferenz beim Abendessen, Hitler habe sich möglicherweise nach Spanien oder Argentinien abgesetzt. Später sagte er einmal, der Diktator sei mit einem U-Boot nach Japan geflüchtet.

Schlimme Paradontose

Als Mark Benecke im Archiv des FSB eintraf, war es, als sei er in die Zeit zurückgereist, da der FSB noch KGB hieß und tatsächlich solche Geschichten in Umlauf brachte. Die schweren braunen Sessel, die holzvertäfelten Wände, die versiegelten Telefone - er fühlte sich wie in einem James-Bond-Film. Geradezu zeremoniell öffneten die Geheimdienstler die alten Koffer, in denen sich Aufzeichnungen von Hitlers Zahnarzt befanden, daneben Fotos aus dem Führerbunker und, an den Rändern verkohlt und verpackt in einer angestaubten Pappschachtel: Zähne.

Zur Identifizierung eines Leichnams ist das Gebiss perfekt, vor allem wenn es so ruinös ist wie das von Hitler: die Kieferknochen von einer schlimmen Parodontose zersetzt, unten nur noch die vier Schneidezähne zusammenhängend erhalten, eine außergewöhnliche Metallbrücke, vielleicht auf Hitlers Wunsch hin angefertigt, nicht so bald wieder zum Zahnarzt zu müssen. Benecke verglich die Asservate mit Aufzeichnungen zum Zahnstatus und mit einem Röntgenbild, das entstanden war, als Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 über Kopfschmerzen klagte.

Was Benecke sah, war für ihn nicht nur ein Beweis für den Mundgeruch des Diktators. Für ihn besteht auch kein Zweifel daran, dass die Zähne, die beim FSB liegen, Hitlers Zähne sind: „Wenn er also noch irgendwo rumläuft, dann ohne Ober- und Unterkiefer.“ Aber könnte das alles nicht auch eine Fälschung sein? „Das kriegt man nicht mehr gefälscht“, sagt Benecke, „das glauben nur Leute, die auch an Aliens glauben.“

Die Sowjets wussten also wohl von Anfang an, wessen Leiche sie da aus dem zugeschütteten Bombentrichter gezogen hatten. Aber warum vertuschten sie es? Wollte Stalin so weitere Feldzüge gegen den Faschismus anzetteln? Offiziell gingen die Ermittlungen in der Sowjetunion weiter, nun allerdings von der normalen Polizei geführt - und nicht eben frei. Die Ermittler zerrten für „Operation Mythos“ Linge und Günsche abermals aus ihren Kerkern und prügelten Aussagen aus ihnen heraus. Sie gruben noch einmal vor dem Führerbunker und fanden den Schädelknochen, den Mark Benecke später untersuchen sollte. Aber am Ende bekamen sie keinen Zugang zu Hitlers mutmaßlicher Leiche und deren Zähnen, und sie hielten es „nicht für möglich, in dieser Frage endgültige Schlüsse zu ziehen“.

Erst 18 Jahre nach Kriegsende und zehn Jahre nach Stalins Tod gab erstmals ein russischer Offizieller gegenüber dem Westen zu, dass auch die Sowjetunion Hitler als tot betrachtet. Die Verwirrung hielt jedoch an. Der russische Historiker Lew Besymenski legte schlüssig dar, dass Hitler sich mit einer Zyankali-Kapsel vergiftet hat. Die These fand auch in Deutschland Anklang. So schrieb Karl-Heinz Janßen 1968 in der „Zeit“, dass die in Deutschland mittlerweile offizielle Annahme, Hitler habe sich mit einem Schuss in die rechte Schläfe das Leben genommen, voreilig formuliert gewesen sei: „Er hat feige Gift genommen.“

„Wie ein Weib gestorben“

Aber auch das war voreilig formuliert - und ganz im Sinne der Sowjetunion. Denn Besymenskis Buch war eine Räuberpistole, die Zyankali-These eine Vorgabe von oben. Der Historiker gab das mehrfach zu, auch gegenüber Mark Benecke. Besymenski gestand: „Die haben zu mir gesagt, es muss Zyankali sein, damit Hitler wie ein Weib gestorben ist.“

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