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Kriegsschicksal : Zwei Lebenswege aus dem Feuer

Die letzte Gutsherrin: Viktoria Senfft von Pilsach in ihrer Wohnung in Soest Bild: Edgar Schoepal

Sie musste in den Westen fliehen. Er zog, schwer verletzt, auf das Gut an der Ostsee. Die beiden Wege, die im Feuer begannen, haben sich irgendwann freundschaftlich überschnitten. Noch mehr als sechs Jahrzehnte später verbindet ein Haus zwei Kriegsschicksale.

          7 Min.

          Auf dem Tisch liegt ein Foto. Die Hausfrau hat Kaffee aufgetragen, sie hat von früher erzählt, von Krieg und Wanderung, vom Jagdhund Thyras, der nicht mehr lebt. Dann hat sie das Album herausgeholt und das Foto zwischen die Tassen gelegt: Einige ältere Leute stehen auf einer Freitreppe vor dem Eingang einer Villa. Sie neigen sich zueinander, sie lächeln. Manche sind offenbar auf Reisen, tragen Rucksack und Windjacke. Andere, etwa die Frau mit dem nach hinten gebundenen dunklen Haar, sind häuslich gekleidet und wohl gerade erst herausgetreten. Eine der Reisenden, eine schlanke Frau mit feinem, weißgrauem Haar und ebenso feiner Bluse, legt der Dunkelhaarigen sanft die Hand auf den Unterarm.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Hausfassade zeigt Zeichen neueren Verfalls ebenso wie solche alten Wohlstands. Überall blättert zwar der Putz, aber die Eingangstür ist mehrflügelig und in hohem Bogen modelliert. Der vorspringende Empfangsraum trägt eine herrschaftliche Terrasse, und die ebenfalls von Bögen gekrönten Fenster haben Glasscheiben, die sich nach außen wie feine Seifenblasen wölben. Der Efeu windet seine Ranken um ein Säulenkapitäl.

          Eine eigene Geschichte

          Es sind, genau gesagt, zwei Abzüge desselben Bildes. Beide liegen zwischen Kaffeegeschirr auf dem Wohnzimmertisch, in beiden Wohnzimmern haben die Menschen zu erzählen begonnen. Und doch liegen zwischen ihnen 875 Kilometer, 13 Stunden Autofahrt - die Distanz zwischen Soest in Westfalen und dem polnischen Dorf Lublewo in der Wojewodschaft Pomorze an der Ostsee.

          Erinnerungen an das Haus mit den gewölbten Fenstern: Alte und neue Bewohner bewahren das Foto auf
          Erinnerungen an das Haus mit den gewölbten Fenstern: Alte und neue Bewohner bewahren das Foto auf : Bild: Edgar Schoepal

          Die Bilder sind identisch, aber jedes hat seine eigene Geschichte. Die Geschichte von Abzug eins, der sich jetzt in Lublewo gemächlich in den Händen einer freundlichen Frau mit straff nach hinten gebundenem dunklen Haar hin- und herdreht, beginnt im Feuer: Ein Junge von fünf Jahren rennt auf die Straße und merkt zu spät, dass alles an ihm brennt, Kleider, Hände, Haare. Ein Mann stürzt auf ihn zu, der Vater. Er löscht das schreiende Kind im Wasser der Pfützen, dann verschwindet er in einem Versteck, denn die Deutschen sind da.

          Es ist der 2. Februar 1944, das vorletzte Jahr des Zweiten Weltkriegs, und weit im Südosten Polens, im Dörfchen Szczecyn, dem dritten Schauplatz unserer Geschichte nach Soest und Lublewo, haben Wehrmacht und deutsche Truppenpolizei gerade mit etwas begonnen, was bis heute unter dem Begriff „Pacyfikacja“ (Befriedung) jedem Kind geläufig ist: Sie verbrennen ein Dorf aus Rache für vermutete Zusammenarbeit mit den Partisanen der Wälder, sie ermorden jeden, der sich nicht schnell genug versteckt. Mehrere hundert Mal ist das während des Kriegs in Polen geschehen, mehr als 19.000 Menschen wurden nach Angaben des Historikers Czeslaw Madajczyk dabei ermordet. In Szczecyn sterben an diesem Tag etwa 200 Menschen. Zuerst schießen Mörser und Panzerabwehrkanonen im Morgengrauen die strohgedeckten Holzhäuser in Brand, dann gehen die Trupps von Haus zu Haus, töten, wen sie fassen können, übergießen die Toten mit Benzin und zünden sie an. Erst nach Stunden hört das Morden auf; wer noch lebt, wird abtransportiert.

          Nicht nur der erste Eindruck

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