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Kriegserinnerungen : „Du wolltest ja leben“

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„Strohhalm in der Vergangenheit“: Johannes Werner Günther als junger Soldat; Schauspieler Volker Bruch in „Unsere Mütter, unsere Väter“. Bild: Privat/ZDF

Johannes Werner Günther, 95, kämpfte als Soldat der Wehrmacht. Volker Bruch, 33, spielt für einen ZDF-Dreiteiler einen Leutnant an der Ostfront. Ein Gespräch über Krieg und Hitler, Deserteure und Helden, Schweigen und Erinnern.

          12 Min.

          Herr Günther, als der Krieg begann, waren Sie Anfang zwanzig, so alt wie die Figur, die Volker Bruch fürs ZDF spielt. Wenn er Sie vor dem Dreh um Rat gefragt hätte, wie er diesen deutschen Soldaten im Jahr 1941 spielen soll, was hätten Sie gesagt?

          Günther: Schwierige Frage. Der Feldzug gegen Polen war ja ein großer Sieg, da waren wir alle für Hitler. Wir waren die Helden: Die Deutschen sind wieder da. Dann bin ich 1940 im Frankreich-Feldzug gewesen, auch wieder ein schneller Sieg. So bin ich in den Krieg gegangen. Naiv. Ich wollte Orden verdienen.

          Wie war das an der Ostfront, wo auch „Unsere Mütter, unsere Väter“ spielt? Welche Gefühle müsste ein Schauspieler ausdrücken?

          Günther: Ängste. Als es geheißen hat, es geht gegen Russland, war die Angst da. Und schon unser erster Angriff hat uns bewiesen, dass es nicht so geht wie in Frankreich. Wir haben blöd angegriffen, einfach über die Wiese weg. Wahnsinn. Am Ende war ich der einzige Unverwundete. Ich hatte das Glück, dass der Russe mich mit zwei Schuss am Helm erwischt hat. Dann habe ich mich tot gestellt. Vor mir war einer mit Bauchschuss, der hat geschrien und sich aufgebäumt. Ein Schuss gegen den Kopf, und er war tot. Am Ende hatten wir 19 Tote und 21 Verwundete. Ich würde sagen, dass ein Schauspieler die Ängste zeigen soll, die ein Mensch hat, wenn es um sein Leben geht. Du oder ich. Was anderes gibt es nicht.

          „Ich wollte Orden verdienen“: Bilder aus Günthers Zeit bei der Wehrmacht.

          Herr Bruch, Sie sind Jahrgang 1980. Welche Beziehung haben Sie zu der Zeit gefunden, in der Ihr Film spielt und die für Herrn Günther so prägend war?

          Bruch: Ich finde es schwierig, sich einer Zeit anzunähern. Das ist so wenig greifbar. Meine Annäherung ist über die Figur und das Drehbuch passiert. Das Drehbuch hat versucht, Zusammenhänge aus dieser Zeit möglichst genau abzubilden. Meine Aufgabe als Schauspieler ist es dann zu verstehen, was die Figur tut. Vielleicht entsteht darüber ein besseres Verständnis der Zeit. Das ist die Reihenfolge. Man kann eine Aktion, ein Gefühl spielen. Aber eine Zeit? Ich glaube, nicht dass Todesangst an eine bestimmte Zeit geknüpft ist.

          Günther: Todesängste müssen Sie verdrängen. Wir mussten unsere Ängste auch verdrängen. Bloß keine Emotionen. Man musste sich so eine Art Panzer ums Herz legen und wie blind schießen. Ja nicht das Denken anfangen! Wenn du angefangen hast zu denken, warst du verloren.

          Wie müssen wir uns den jungen Werner Günther vorstellen?

          Günther: Mein Vater war Prediger einer freikirchlichen Gemeinde, einer Sekte, und wir fünf Buben wurden streng gläubig erzogen. Wir haben zusammengehalten; wenn einer was angestellt hatte, kriegten alle Prügel. Im Alten Testament steht: Wen Gott liebt, den züchtigt er. Als dann 1938 Hitler gekommen ist, bin ich gleich in die SA gegangen. Freiwillig. Wegen des Sports. Politisch hat mich das nicht interessiert. Aber ich wollte endlich Sport treiben, das hatte mein Vater verboten.

          Wie sehen Sie das heute?

          Günther: Ich habe mal einen Vortrag vor Schülern gehalten. Denen habe ich gesagt: Das würde euch heute auch noch begeistern, wenn ihr mit 16 Jahren plötzlich Autofahren lernen könntet, ohne einen Pfennig Geld zu zahlen. Motorrad fahren. Reiten. Fliegen. Wir haben gar nicht gemerkt, dass das eine Vorkriegsausbildung war.

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