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Kriegserinnerungen : „Du wolltest ja leben“

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Günther: Ein Held ist für mich einer, der seine Angst überwindet und trotzdem eine Tat vollbringt.

Können wir in Deutschland heute mit der Idee des Helden vielleicht deshalb nicht viel anfangen, weil wir diese Art von Kriegserfahrung gemacht haben?

Bruch: Das kann gut sein. Einen Helden zu verehren hat ja immer mit Gehorsam zu tun.

„Die sogenannten Helden waren meistens am Ende tot. Die sind drauflos gestürmt, damit sie einen Orden kriegen. Dann hat es sie meist erwischt.“

Wie war das in Ihrer Familie, Herr Bruch? Haben Sie mit Ihren Großeltern oder so über den Krieg geredet?

Bruch: Die Chance hatte ich nicht. Als meine Großväter gestorben sind, war ich noch sehr klein. Aber mit Zwanzig habe ich Bücher gelesen, die mein Großvater geschrieben hatte.

Was hat er geschrieben?

Bruch: Das sind sehr persönliche Sachen, wie Tagebücher: Er war als Tierarzt an der Ostfront und hat seine Erlebnisse aufgeschrieben, wie er zum Beispiel eingekesselt war und dann im letzten Moment rausgekommen ist.

Und? Hatten Sie anschließend das Gefühl, Sie verstehen ihn besser?

Bruch: Eigentlich nicht. Aber mein Großvater hat da auch nicht viel drüber geredet. Auch mein Vater konnte nicht viel von ihm erzählen. Weil diese Gespräche nicht stattgefunden haben.

Das ist nicht untypisch.

Bruch: Mein Vater hat mir schon von seinen eigenen Erfahrungen erzählt. Er war vier Jahre alt, als sie aus Sudetendeutschland nach München geflohen sind. Aber wenn mein Vater erzählt, habe ich immer das Gefühl, mehr über meinen Vater zu erfahren als über die Zeit seiner Kindheit.

„Mein Großvater hat über diese Zeit nicht viel drüber geredet. Auch mein Vater konnte nicht viel von ihm erzählen. Diese Gespräche haben nicht stattgefunden.“

Haben Sie manchmal gedacht: Was haben wir Jüngeren für ein Schwein gehabt, dass uns diese ganzen Katastrophen des 20. Jahrhunderts erspart geblieben sind? Sie zum Beispiel – dass Sie Krieg nur im Film spielen müssen.

Bruch: Ja, vielleicht.

Als Ihre Filmfigur 1945 nach Berlin zurückkehrt, geht er, 25 Jahre alt, wie ein alter Mann. Können Sie sich vorstellen, wie diese Generation mit diesen Erfahrungen ins Leben gestartet ist?

Bruch: Nein. Das würde mich auch interessieren. Den Figuren in dem Film ist viel passiert. Sie sind zerstört. Das ist auch der Grund, warum erst mal keine Auseinandersetzung stattfindet. Es braucht Zeit, bevor man begreifen kann.

Sie, Herr Günther, mussten über 90 werden; dann haben Sie ein Buch über Ihre Erlebnisse an der Ostfront geschrieben.

Günther: Ja. Im Unbewussten war alles gespeichert. Dann hat eine Erinnerung die andere nach sich gezogen.

Hat Ihnen das gutgetan?

Günther: Das war schon eine Aufarbeitung, ungefähr so, wie wenn einen etwas bedrückt, und man hat eine Person, der man vertraut, und man spricht sich frei.

Herr Bruch, hat die Auseinandersetzung mit dem Film Ihren Blick auf die Kriegszeit verändert?

Bruch: Wie gesagt, ich habe Probleme, mir das als Zeit vorzustellen, weil die Vorstellung per se nichts mit der Realität zu tun hat und ich mich dadurch eher von dem distanziere, was damals wirklich passiert ist. Deshalb finde ich auch die Frage „Wie hätte ich gehandelt?“ völlig uninteressant. Sie ist nur das Experiment in einem Gedankenkonstrukt und hat mit tatsächlicher Auseinandersetzung nichts zu tun.

Günther: Weil Sie in eine Zeit geboren sind, die anders ist als unsere Zeit.

Bruch: Wie soll ich das vergleichen? Das ist unmöglich.

Einladung zur Annäherung der Generationen

Ein Treffen im Tiefschnee im oberfränkischen Selb, nicht weit von Asch hinter der tschechischen Grenze, wo Johannes Werner Günther, Jahrgang 1917, aufwuchs. Volker Bruch, 1980 in München geboren, kommt extra aus Berlin und muss weiter nach Frankfurt, wo er einen „Tatort“ dreht. Sie sehen sich zum ersten Mal: Der eine, gelernter Kunstmaler, zeitlebens in technischen Berufen tätig, war Soldat in Frankreich und Russland, Kriegsgefangener in Amerika. Der andere hat Zivildienst gemacht, in Wien Schauspiel studiert und jetzt in einem herausragenden ZDF-Dreiteiler einen Leutnant gespielt (“Unsere Mütter, unsere Väter“: 17., 18., 20. März jeweils 20.15 Uhr). Einladung zum Dialog: Jahrzehntelang standen in der Aufarbeitung des „Dritten Reiches“ zu Recht die Verbrechen der Nazis und die deutsche Schuld im Vordergrund. In jüngster Zeit wird zum Thema, wie Deutsche unter dem Krieg litten. Was hat das mit dieser Generation gemacht? Günther, der 2011 im Triga-Verlag „Im Osten das Grauen. Ein Kriegstagebuch“ veröffentlichte, kommt auch in der ZDF-Dokumentation im Anschluss an Teil 1 des Spielfilms zu Wort.

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