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Kriegserinnerungen : „Du wolltest ja leben“

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Wie sieht das aus?

Günther: Wenn’s schneit, bin ich krank. Dann denke ich: Hoffentlich hört’s auf zu schneien. Hoffentlich hört’s auf zu schneien. – Das kommt vom Krieg. Oder der Schlamm. Wenn die Wege schlammig sind, renne ich auf Zehenspitzen durch, weil die Schlammzeit die schlimmste war in Russland. Als der Dreck oben in die Stiefel reingelaufen ist. Das ist in uns drinnen geblieben. Ich träume immerfort von Schlamm. Heute noch.

„Ich war naiv“: Günthers Fotoalbum mit Kriegserinnerungen.

Wo waren diese Erinnerungen in der Nachkriegszeit?

Günther: Die kamen immer wieder hoch. Aber ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Man hatte die verdrängt, und ich konnte nicht reden, weil sonst diese Bilder hochgekommen wären. Die Frauen, die uns die Kinder entgegenhalten. Die Toten, über die wir gestiegen sind. Wir haben tote Russen in den Schlamm geschmissen, damit wir darübersteigen konnten. Das war doch furchtbar. Ich wollte nichts wissen, nichts hören davon. Das hat mir solche Schmerzen gemacht.

Waren Sie ein anderer Mensch, als Sie 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrten?

Günther: Ich denke, ja. Ich bin menschlicher geworden, toleranter.

Der Krieg hat Sie nicht härter gemacht?

Günther: Nein. Ich denke eher, er hat mich weicher gemacht. Reifer.

Wie erklären Sie sich das?

Günther: Ich bin ja Gott sei Dank nach einem halben Jahr rausgekommen, weg von der Ostfront. Aber die länger dabei waren, die wurden immer grausamer. Mein prägendstes Erlebnis war die Kriegsgefangenschaft in Amerika, die Begegnung mit der Fairness der Amerikaner, mit der Demokratie. Damals habe ich angefangen, nachzudenken und nach den Hintergründen zu fragen. Ich bin kritischer geworden. Und wahrscheinlich steckte doch ein bisschen die Erziehung mit drin. Wenn wir ausgehen von der Religion, sind alle Menschen Gottes Geschöpfe. Warum sollen wir uns gegenseitig umbringen?

Bilder des Kriegs: „Ich wollte danach nichts wissen, nichts hören davon. Das hat mir solche Schmerzen gemacht.“

Waren Ihre Kriegserlebnisse eine Belastung für Ihre Familie?

Günther: Eigentlich nicht, weil nicht drüber geredet worden ist. Schauen Sie: Nach dem Krieg mussten wir arbeiten. In den fünfziger Jahren haben wir 60 Stunden gearbeitet, um über die Runden zu kommen. 1946 habe ich 68 Pfennig Stundenlohn gekriegt beim „Rosenthal“.

Und der Panzer um Ihr Herz?

Günther: Der muss irgendwie geschmolzen sein. Der war weg. Der diente ja der Selbsterhaltung. Den brauchte ich nicht mehr.

Haben Sie diese Verhärtung, Verrohung nicht in Ihr Leben danach mit reingezogen?

Günther: Nein. Im Gegenteil. Ich habe gelernt im Krieg, dass wir alle Menschen sind, und auch unser sogenannter Feind hat Gefühle wie wir. Einmal habe ich mit einem Kriegsgefangenen mein Brot geteilt. Da hatte ich solche Gedanken: Du bist genau so ein armes Schwein wie ich. Aber man hat immer weitergemacht.

Ist Ihre gesamte Generation durch den Krieg milder geworden?

Günther: Es gab auch harte Burschen. Aber die sogenannten Helden waren meistens am Ende tot. Die sind drauflos gestürmt, damit sie einen Orden kriegen. Dann hat es sie meist erwischt.

Herr Bruch, was ist ein Held?

Bruch:  Ich kann mit dem Begriff nicht viel anfangen. Einem Helden kann man nicht auf Augenhöhe begegnen, weil er auf einem Sockel steht.

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