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Kriegserinnerungen : „Du wolltest ja leben“

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Günther: An der Ostfront saß uns immer der Tod im Nacken. Wir lebten von der Hoffnung, die Heimat wiederzusehen. Wir hatten ja diesen strengen Winter. Wer keine Hoffnung mehr hatte, legte sich raus in den Schnee, um sich erfrieren zu lassen. Ein schöner Tod. Manche haben wir zurückgeholt. Die haben gesagt: Warum habt ihr mich nicht gelassen, es war grad so schön warm?

Dachten Sie je: Jetzt sterbe ich?

Günther: Wissen Sie, ich hatte solches Glück. Ich muss Schutzengel gehabt haben. Ich bin so oft gejagt worden. Ich hatte eine doppelseitige Lungenentzündung und komm aus Russland raus und überlebe das. Aber als ich damals bei diesem ersten Angriff mein Gesicht in die Erde gedrückt habe, war das schon so. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Der Geist schaltet irgendwie ab. Ich wurde müde. Ich habe da gelegen und hätte schlafen können. Das ging mir auch später noch so; zum Beispiel wenn ich mal richtig Streit mit meiner Frau hatte, hätte ich schlafen können. Um das abzuschirmen irgendwie.

Herr Bruch, in Ihrer ersten Kampfszene wird ein Kamerad neben Ihnen getroffen. Sie gucken auf die klaffende Wunde – und machen weiter.

Bruch: Das sind alles nur Reaktionen. Deshalb finde ich so spannend, was Herr Günther erzählt. Reaktion bedeutet, dass das mit Denken nichts zu tun hat. Blicke ohne Reflexion. Das fassungslose Beobachten von Dingen, die sofort eine Handlung nach sich ziehen. Aber das kann man natürlich trotzdem nicht mit Ihren Erfahrungen vergleichen. Für uns war das ja nur ein Schauspiel.

Günther: Ihnen gibt das Script vor, was Sie machen müssen. Aber bei uns gab es kein Script.

„Für uns war das ja nur ein Schauspiel“: Volker Bruch in der Rolle des Wilhelm Winter.

Sie, Herr Bruch, werden im Film gefragt, wie viele Menschen Sie getötet haben. Herr Günther, könnten Sie das von sich sagen?

Günther: Keiner kann das. Nahkämpfe wie im Ersten Weltkrieg hat es ja nicht mehr gegeben. Die Waffen sind moderner geworden. Und du hast wild drauflos geschossen. Du wusstest nicht, ob du einen getroffen hast oder nicht. Von einem weiß ich, dass ich ihn getötet habe. Einen verwundeten Russen habe ich von seinen Leiden erlöst. Der hat dort gelegen, da war das halbe Gesicht weg. Er hat aber noch geatmet, wahrscheinlich ohne Bewusstsein. Da habe ich gedacht, den musst du erlösen. Aber das war nicht einfach.

Haben Sie das Gefühl, Schuld auf sich geladen zu haben?

Günther: Eigentlich nicht. Wir sind ja befohlen worden. Machst du’s nicht, wirst du selber umgebracht. Schuldgefühle müsste ich haben, wenn ich etwas hätte vermeiden können.

Konnten Sie nach dem Krieg über Ihre Erlebnisse sprechen?

Günther: Mindestens bis in die sechziger Jahre hinein konnte ich nichts erzählen. Gar nicht. Das hat so wehgetan. Dann ging es langsam, und dann hat sich keiner interessiert. Mein Schwiegersohn und meine Tochter auch nicht. Die wollten nichts wissen. Ist Vergangenheit. Komm, erzähl den Quatsch nicht. Das interessiert doch keinen.

Und Ihre Frau? Warum hat die sich nicht interessiert?

Günther: Keine Ahnung. Komm mir nicht mit den Geschichten, hat sie gesagt, das sind alte Kamellen. Und außerdem, wie Sie vom Krieg heimgekommen sind, wurden Sie als Verbrecher verurteilt. Sogar von der Presse. Die Soldaten waren die Verbrecher. Heute haben sie Therapeuten für alle, die aus Afghanistan kommen. Wir hatten keine. Darum habe ich heute noch mein Trauma.

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