https://www.faz.net/-gum-77jfc

Kriegserinnerungen : „Du wolltest ja leben“

  • Aktualisiert am

Er steht auf und geht, so wie er jeden anderen Arbeitsplatz verlassen könnte.

Bruch: Es ist kein aktiver intellektueller Vorgang, wo Fakten verglichen werden und man dann entscheidet, sondern eine Flucht aus der Überforderung heraus.

Erinnerungen an den Krieg: „Die Bilder kann ich niemals vergessen und auch nicht überwinden.“

Herr Günther, haben Sie mal daran gedacht, zu desertieren?

Günther: Das wäre ja noch unsicherer gewesen. Unter deinen Kameraden hast du dich irgendwie geborgen gefühlt. Sonst war man Freiwild. – Aber Sie desertieren? Alleine oder in der Gruppe?

Bruch: Alleine.

Günther: Vermutlich, weil Sie zu denken angefangen haben. Und dann kommen Emotionen dazu, und das ist das Verkehrte. Wir mussten das unterbinden, sonst hätten wir nicht überlebt.

Bruch: Genau das ist es.

Günther: In Frankreich hatten wir einen, der war ein Muttersöhnchen. Wenn er nur hörte, es geht zum Kampf, hat er sich umfallen lassen. Zweimal haben sie ihn verwarnt. Das dritte Mal hat er den Unterarm auf sein Gewehr gelehnt und abgedrückt. Heimatschuss. Der wurde zum Tode verurteilt. Nach dem Frankreich-Feldzug mussten die Kameraden von der eigenen Kompanie ihn erschießen.

Sie auch?

Günther: Ich hatte zum Glück Wachdienst, also haben sie mich nicht erwischt. Zwölf Mann, und einer hatte eine Platzpatrone, so dass jeder sagen konnte, ich habe ihn nicht erschossen. Armer Kerl. Bloß weil er Angst hatte. Der muss hart gemacht werden, hieß es. Damals wurden Menschen beim deutschen Militär seelisch zerstört.

So wollte man die Soldaten haben.

Günther: Hart wie Kruppstahl.

In jedem Film würde man denken, das hat sich ein Drehbuchautor doch bloß ausgedacht.

Bruch: Das kann man sich gar nicht vorstellen.

Günther: Eine Frage an Ihren Film: Wie reagieren die Kameraden, wenn Sie desertieren? Wissen Sie, wie wir reagiert haben? Für uns war ein Deserteur ein Verräter, aber nicht der Ideologie …

Bruch: Sondern Ihnen gegenüber.

Günther: Ja. Ein Verräter an den Kameraden. Der hat seine Kameraden im Stich gelassen. So haben wir gedacht. Auch ich. So waren wir doch auch erzogen.

„So etwas kann man sich nicht ausdenken. Das kann man sich gar nicht vorstellen.“

Wie toll war denn die oft gerühmte Kameradschaft?

Günther: Die Gefahr schweißt zusammen. Aber Angst durfte man nicht zeigen, weil man sonst ein Feigling gewesen wäre.

Dann war das eine Kameradschaft unter harten Männern.

Günther: Hart wie Kruppstahl, ja. Man ist hart gemacht worden, man musste hart sein. Und je länger der Krieg dauert, desto grausamer wird der Mensch. Weil er immer mehr verdrückt. Am Schluss ist das schon so eine Gewohnheit, dass er kein Gewissen mehr hat. Wir sind dann über die Toten drübergestiegen, das hat uns nichts mehr ausgemacht. Sind halt gefallen gewesen. Das Schlimme ist, dass man sich geistig selbst tötet.

Bruch: Das Töten geht immer leichter. Wenn meine Figur zu Beginn des Films einen politischen Kommissar erschießt, ist das noch eine Irritation. Später werden solche Dinge normal, zur Basis des täglichen Tuns.

Günther: Das Mitleid wird abgetötet. Du willst überleben, du wirst ein Ich-Mensch, der nur auf sich schaut.

Bruch: Ich kann mir vorstellen, dass man sich unter solchen Umständen Sensibilität nicht erlauben kann.

„Je länger der Krieg dauert, desto grausamer wird der Mensch“: Aufnahme aus dem Album von Johannes Werner Günther.

Herr Günther, haben Sie daran geglaubt, den Krieg zu überleben?

Weitere Themen

Topmeldungen

Klein und furchteinflößend: Papierfischchen lieben Zellulosefasern.

Sorge vor Schädlingen : Insekten im Museum

Alle Museen fürchten Insekten, die ihre Sammlungen als Nahrungsquelle sehen. Trotzdem spricht kaum jemand in der Branche über Schädlingsbefall. Wer es tut, muss mit Konsequenzen rechnen.
Verkehrsminister Scheuer musste sich wegen der Maut-Vergabe im Juli den Fragen des Verkehrsausschusses im Bundestag stellen.

Automaut : Rechnungshof kritisiert Scheuer

Der Bundesverkehrsminister wird seit langem für das Vergabeverfahren für die Pkw-Maut angegriffen. Auch der Bundesrechnungshof ist nicht einverstanden. Es listet gleich eine ganze Reihe von Verstößen auf.
An der Stelle des Unglücks: Kerzen und Stofftiere erinnern an den Jugendlichen, der hier in der Münchener Innenstadt von einem Raser totgefahren wurde.

Raserunfall in München : „Keine Hetzjagd“

Eine Videoaufnahme von dem Raserunfall in München, bei dem ein Jugendlicher starb, soll die Polizei von Hetzjagd-Vorwürfen entlasten und den Vorsatz des Fahrers belegen. Die Staatsanwaltschaft sieht mehrere Mordmerkmale erfüllt.

Angefasst und ausprobiert : Das kann das Motorola Razr

Wer das neue Motorola Razr in die Hand bekommt, reißt erst einmal die Klappe auf und sucht wie bei anderen faltbaren Smartphones die Falte in der Mitte. Wir haben aber auch noch anderes ausprobiert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.