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Kriegserinnerungen : „Du wolltest ja leben“

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Bruch: Man fühlt sich stark, auch als Einzelner. Dieses ständige Synchronisieren der Bewegungen synchronisiert auch die Gedanken; das ist die Gehirnwäsche, von der Herr Günther gesprochen hat. Wenn ich tue, was hundert Leute um mich herum auch machen und was vorne angesagt wird, funktioniere ich immer mehr als Teil dieser Masse. Dass dann der Ehrgeiz sein kann, perfekt zu funktionieren, kann ich nachvollziehen. Das ist wie ein Herzschlag. Wenn man hört, wie so eine Gruppe sich bewegt.

Günther: Wenn ich heute Leute im Stechschritt gehen sehe, muss ich lachen über die Kasper. Aber als junge Kerle hatten wir das Gefühl: Jetzt kommen wir. – Und Sie spielen so einen Soldaten, der an die Ostfront geschickt wird?

Bruch: Genau. Das ist ein junger Leutnant …

Günther: Dann hatten Sie Befehlsgewalt. Sie waren derjenige, der die Soldaten einsetzen musste.

Bruch: Genau. Aber natürlich auch wieder untergeben. Mein Vorgesetzter war der Hauptmann.

Günther: Ich war Melder. Ich bin gekommen und habe gesagt: Laut Kompaniechef muss euer Zug da und da hin.

Bruch: Im Film gibt es so eine Szene, wo der Melder kommt und sagt: Ihr müsst jetzt den Telegraphenposten einnehmen. Und obwohl allen klar ist, dass das keinen Sinn macht, muss es trotzdem getan werden. Das ist der Befehl.

„Für uns war das nur ein Schauspiel“: Werbematerial für die ZDF-Produktion.

Herr Günther, gibt es Kriegserlebnisse, die Sie besonders erschüttert haben?

Günther: Schlimm war, wenn man verstümmelte Kameraden gesehen hat, wenn einer statt des Gewehrs seinen abgeschossenen Arm in der Hand hielt. Aber was der Zivilbevölkerung angetan worden ist – da kommen mir heute noch die Tränen, wenn ich bloß dran denke. Diese Bilder kann ich niemals vergessen und auch nicht überwinden. Wenn Sie sich vorstellen, tiefer Schnee, bis zu einem Meter hoch, eine Kälte von 40 Grad. Sie haben übernachtet in diesem Dorf südwestlich von Moskau, die Frauen und Kinder haben uns noch ihr kärgliches Essen mitgegeben. Und in der Früh wird das Dorf angezündet. Einfach nur die Fackel ans Strohdach halten. Die Frauen knien im Schnee und halten dir ihre Kinder entgegen. Die waren dem Tod geweiht. Ich wäre am liebsten hingegangen und hätte die Fackel weggenommen.

Warum haben Sie es nicht getan?

Günther: Sie hätten mich sofort erschossen. Sie hätten die Hütten trotzdem abgebrannt, und ich hätte mein Leben geopfert, sinnlos. Das war eines der wenigen Dinge, die ich mitbekommen habe. So wie ich Ihnen offen sagen kann: Von KZs habe ich nichts gewusst. Erst in amerikanischer Kriegsgefangenschaft habe ich diese Filme gesehen. Auf Heimaturlaub habe ich mich nicht für Politik interessiert. Da hast du erst mal geschaut, dass du ein Mädchen findest. Du wolltest ja leben. Denn du hast gewusst, wenn du rauskommst, am nächsten Tag kannst du tot sein.

Herr Bruch, Ihre Figur hält den Krieg irgendwann nicht mehr aus. Was passiert da?

Bruch: Der Krieg wirft immer mehr Fragen auf, auf die er keine Antwort hat. Die Sinnlosigkeit wird immer größer. Und irgendwann, im lautesten Moment, wenn die Bomben einschlagen und ein Panzer auffährt, mitten in der Schlacht, geht er. Er läuft einfach traumatisiert weg.

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