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Kriegserinnerungen : „Du wolltest ja leben“

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Also haben Sie sich durchaus für Hitler begeistert.

Günther: Selbstverständlich. Er hat ja für Deutschland etwas geschaffen. Sofort keine Reparationskosten mehr bezahlt. Befohlen, dass alle Handwerker einen Lehrling einstellen mussten. Das hat die Jugend von der Straße gebracht. Man muss immer auf die Weimarer Republik zurückblicken, wo alles so zerschlissen war. Wer soll da nicht begeistert gewesen sein? Die Hintergründe haben gar nicht interessiert. Wenn man Menschen manipulieren will, muss man ihnen Angst machen, die Informationen wegnehmen und das Denken verbieten. Das war alles eine Art Gehirnwäsche.

Und die Judenverfolgung?

Günther: Jeder hat gewusst, dass die Juden verfolgt wurden. Das stand ja überall: „Juden sind unerwünscht“. „Juden raus“. Aber keiner hat sich getraut nachzufragen. Wer Interesse zeigte, war schon verdächtig. Also hielt jeder das Maul. Das war das große Übel des deutschen Volkes.

„Jeder hielt das Maul. Das war das große Übel des deutschen Volkes.“

Herr Bruch, was wussten Sie vor dem Dreh über den Zweiten Weltkrieg?

Bruch: Mein Stand war das, was man in der Schule so lernt.

Ist das Kriegserlebnis denn Thema in der Schule? Oder stehen Themen wie Hitler und der Holocaust im Vordergrund?

Bruch: Die entscheidende Frage ist doch, ob man einen persönlichen Zugang findet oder ob man sich Wissen aneignet, Fakten, Daten. Eine persönliche Auseinandersetzung setzt ja Interesse und Neugier voraus und wird in der Schule oft mit Pflicht verwechselt.

Haben Sie zu dieser Zeit eine Beziehung, nicht nur als Schauspieler? Oder kommt einem das vor, als wenn es auf einem anderen Planeten wäre?

Bruch: Das ist ein bisschen so. Es gibt diese Riesendistanz zu einer Zeit, die so lange her ist. Geschichten wie die von Herrn Günther sind wie ein Strohhalm in diese Vergangenheit.

Mit was für einem Bild vom Militär sind Sie groß geworden? Waren Sie bei der Bundeswehr?

Bruch: Nein, war ich nicht. Mich hat das einfach nicht interessiert. In meinem Freundeskreis haben alle verweigert. Ich kenne kaum jemanden, der bei der Bundeswehr war. Das war eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte überhaupt kein Interesse daran, mir ein Jahr lang sagen zu lassen, was ich tun soll.

Wie spielt man als Pazifist einen pflichtbewussten Soldaten?

Bruch: Wir hatten vorher ein Boot-Camp in Litauen mit einem Ausbilder aus Amerika. Der hat uns in militärische Strukturen eingeführt.

Was haben Sie da gemacht?

Bruch: Hauptsächlich strategische Übungen, wie man ein Gebäude einnimmt, wie ich als Leutnant eine Truppe führe. Ich hatte da meine 15 bis 20 Mann, die ich versucht habe zu manövrieren. Ich habe natürlich nicht nur die führende, ich habe auch die andere Seite mitgemacht. Das war spannend, wie man komplett die Verantwortung abgibt und nur das tut, was einem jemand sagt. Wenn zwanzig Leute das Gleiche machen und dasselbe wollen, hat das eine unglaubliche Kraft.

Im Gleichschritt zu marschieren ist tatsächlich toll?

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