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Kreml-Flieger Mathias Rust : Der lange Irrflug der Friedenstaube

Als Talkshow-Gast 1993

In Wedel wird die Lage sogar aggressiv. Die Rusts werden als „Russenfreunde“ diffamiert, ihre Autoreifen zerstochen, ihr Haus mit Parolen beschmiert. Die Familie erhält Morddrohungen, Bruder Ingo muss die Schule wechseln. Viele neiden der Familie den vermeintlichen Reichtum, dabei seien die 100 000 Mark vom „Stern“ weitgehend für Flugtickets, Hotels und Anwälte draufgegangen, schreibt der freie Autor Ed Stuhler in seinem gerade erschienenen Buch „Der Kremlflieger“. Die Eltern, die nach wie vor in Wedel leben, wollen sich dazu nicht mehr äußern.

Die überhöhten Erwartungen vieler Medien und der Öffentlichkeit an Rust, die sich von ihm Glamour, Stärke und Heldenmut erhoffen, werden enttäuscht. Rust hat keine Horrorgeschichten aus dem Russen-Knast zu bieten, im Gegenteil, er spricht von „guter Behandlung“ und sogar von „Freunden“. Selbst der „Stern“ merkt nun, dass er einen allenfalls etwas verschrobenen Teenager vor sich hat, der ein bisschen umständlich spricht. Rust sei „wohl psychisch labil und auf gefährliche Weise weltfremd, weil durch eine überbesorgte Familie gegen die Außenwelt abgeschirmt“, interpretieren die Reporter.

Plötzlich wird der Held zum Spinner

Quasi über Nacht wird der Held zum Spinner, ja zum Verrückten, und dass sich dieser Eindruck verfestigt, dazu trägt Mathias Rust in den folgenden Jahren auch selbst bei. Während seines Zivildienstes in einem Hamburger Krankenhaus sticht er 1989 eine 18 Jahre alte Schwesternschülerin nieder; sie überlebt die Attacke knapp. Es tue ihm leid, er könne sich die Tat nicht erklären, sagt er später immer wieder in Interviews. Womöglich habe das Mädchen ihn zurückgewiesen und mit seinem Moskau-Flug aufgezogen, woraufhin er einen Blackout gehabt habe. Wegen versuchten Totschlags wird er zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, kommt aber nach der Hälfte der Zeit frei.

Er heiratet zweimal, in Amerika eine Polin und später in Trinidad eine Inderin; die Ehen halten fünf und acht Jahre. Und Rust produziert zweifelhafte Schlagzeilen, wegen eines gestohlenen Kaschmir-Pullovers, Scheckbetrugs oder eines Internetprojekts, das dem Weltfrieden dienen soll. Stets erntet er Spott und Häme, dabei will er es doch allen zeigen. 2009 erzählt er herum, 750.000 Euro beim Pokern gewonnen und ausgesorgt zu haben. Ob das stimmt, weiß wohl nur er allein. Heute lebt Rust in Hamburg, arbeitet angeblich auf Provisionsbasis für eine Zürcher Investmentfirma und lässt sich gerade zum Yoga-Lehrer ausbilden. Und er fliegt wieder, hat eine Lizenz für die Karibik.

Seine Cessna ist heute im Deutschen Technik-Museum in Berlin ausgestellt. In Moskau war Rust gerade vor wenigen Tagen per Linienflugzeug - auf Einladung des „Stern“. Und vor zwei Jahren traf er zufällig seinen einstigen Beobachter: Wladimir Kaminer las in Wedel und erzählte nebenbei, wie er zwanzig Jahre zuvor beinahe Rust abgeschossen hätte. „Nach der Veranstaltung kam er auf mich zu und stellte sich vor“, erzählt Kaminer, der Rust für seinen Flug großen Respekt zollt. „Damit hat er die Idiotie und die Borniertheit der damaligen Abschottung plötzlich für alle sichtbar gemacht. Er war die unerwartetste Taube des Friedens, die man sich vorstellen konnte.“

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