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Kreml-Flieger Mathias Rust : Der lange Irrflug der Friedenstaube

Selbst der Moskauer Polizeichef klopfte ihm auf die Schulter

Die sowjetische Bevölkerung, das zeigen Umfragen aus jener Zeit, sah die Landung nicht als Schändung des Roten Platzes oder gar als Blamage für ihr Land; im Gegenteil, sie applaudierte Rust. „Die Stimmung war gelöst“, sagt auch Kaminer. Die Leute werteten seinen Flug eher als Streich, manche auch als Beweis für den verlotterten Zustand der Armee. „Die taugt nichts, sagten viele, und: Ist doch kein Wunder.“

Stolzer Flieger 1988
Stolzer Flieger 1988 : Bild: ddp images/RETRO/SIPA

Der junge Rust ist angesichts der Reaktionen erleichtert. Seine Mission, bei Kreml-Chef Michail Gorbatschow für Frieden und Abrüstung zu werben, scheint nicht völlig utopisch zu sein. Ein halbes Jahr zuvor hatte er am Fernseher daheim desillusioniert das Scheitern des Abrüstungsgipfels zwischen dem amerikanischen Präsidenten Reagan und Gorbatschow in Reykjavik verfolgt. Daraufhin war sein Plan entstanden, nach Moskau zu fliegen. Und nun dieser Empfang! Selbst Moskaus Polizeichef, der in einer schwarzen Limousine vorfährt, klopft ihm auf die Schulter, ermahnt ihn aber, beim nächsten Mal einen Einreiseantrag zu stellen.

Gorbatschow ist über die Aktion nicht amüsiert, doch er erkennt die Chance, die ihm der zugeflogene Vogel bietet. Seine Perestroika, die Umgestaltung des Landes, stockt. Besonders die Armee behindert jede Veränderung, und sie bindet enorme Ressourcen. Gorbatschow ist längst klar, dass das sein Land ruiniert, nun hat er einen Grund, in der Armee aufzuräumen.

Gut 300 Generäle verlieren wegen Rust ihren Job

Zwei Tage nach Rusts Landung tritt der sowjetische Verteidigungsminister zurück, auch seine Stellvertreter werden von ihren Aufgaben entbunden, dazu der Chef des Generalstabes, der Oberbefehlshaber des Warschauer Paktes sowie die Kommandierenden der Flotte und aller Militärbezirke; gut 300 Generäle verlieren ihren Job. Rust hat in den Streitkräften einen beispiellosen Kahlschlag ausgelöst, ohne den der Kalte Krieg womöglich nicht so schnell beendet worden wäre.

Flug in die Freiheit: Rust bei der Rückkehr aus Sowjetunion 1988.
Flug in die Freiheit: Rust bei der Rückkehr aus Sowjetunion 1988. : Bild: ddp images/LASKI/SIPA

Von alledem bekommt die Welt wenig mit, auch weil sie sich völlig auf Rust konzentriert. Der „Kremlflieger“ und „Teufelskerl“ ist Titelthema überall, „Forbes“ schlägt ihn für den Friedensnobelpreis vor, BBC und NBC senden live aus seinem Elternhaus in Wedel; die Familie zeigt sich „stolz, aber auch beunruhigt“. Dazu hat sie allen Grund, denn nachdem Gorbatschow Tausende Militärs entlassen und degradiert hat, kann er Rust nicht einfach nach Hause schicken. Er lässt ihn wegen illegaler Einreise, Gefährdung des Luftverkehrs und schweren Rowdytums zu vier Jahren Arbeitslager verurteilen.

Rust jedoch wird in seinem Moskauer Polit-Gefängnis wie ein Star behandelt. Er darf mit dem Direktor Kaffee trinken, erhält zum Geburtstag Torte und von seinen Eltern regelmäßig Besuch. Dennoch setzt die Haft ihm zu, er bekommt schwere Magenprobleme und Depressionen und nimmt stark ab. Nach knapp anderthalb Jahren wird er begnadigt. Was nun folgt, trägt wohl ebenfalls dazu bei, dass er sein Leben nie mehr so richtig in den Griff bekommt.

Der „Stern“ nimmt Rust exklusiv unter Vertrag - und versteckt ihn

Mit einer Linienmaschine fliegt er nach Frankfurt, wo ihn enthusiasmierte 300 Journalisten, Fotografen und Kameraleute erwarten, doch der „Stern“ hat Rusts Familie exklusiv unter Vertrag genommen. Das Magazin fliegt den völlig ausgelaugten und überforderten Jungen im Privatjet davon und verbirgt ihn tagelang vor der Öffentlichkeit - eine „Vermarktungsstrategie, die ihn wieder zum Gefangenen macht“, schreibt die „Süddeutsche“. In anderen Blättern kippt die Stimmung ins Beleidigt-Kleinliche. Rusts Flug sei eine „dumme Provokation“, ist nun zu lesen, für die er „weder Jubel noch Bewunderung“ verdient habe.

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