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„Kosmos“-Festival in Chemnitz : Sie sind mehr

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Wollen Zeichen setzen für eine friedliche, weltoffene Gesellschaft: Besucher auf dem Festival Kosmos Chemnitz Bild: dpa

Mit dem Festival „Kosmos Chemnitz – Wir sind mehr“ feiert die Stadt das Leben und zeigt ihre weltoffene Seite: Während die Ereignisse vom vergangenen August weiter aufgearbeitet werden, läuft die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt.

          „Also“, sagt Jan Kummer und wird jetzt mal grundsätzlich. Vor dem 26. August 2018 habe es in Chemnitz ein ziemlich normales Innenstadtleben gegeben. Die Leute hätten – jedenfalls im Sommer – im Park auf der Wiese gelegen, Eis gegessen, Federball gespielt und die Sonne genossen. Und nebenan habe Pro Chemnitz, die rechtsradikale Gruppierung, ab und an eine Demo „mit ein paar Leuten“ veranstaltet, die den Untergang der Welt beschworen. „Das war schon einigermaßen grotesk“, ruft Kummer.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Vater der „Kraftklub“-Brüder Till und Felix sitzt gemeinsam mit vier weiteren Diskutanten auf einem kleinen Podium im zweiten Stock eines ehemaligen Modetempels im Chemnitzer Zentrum. „Fashionlounge Xquisit“ steht noch an Wänden und Schaufenstern. Die Betreiber haben erst Anfang des Jahres aufgegeben, jetzt ist hier jede Menge Platz und das einstige Kaufhaus Teil des „Kosmos“-Festivals, das am Donnerstag das Chemnitzer Zentrum beben ließ.

          Die gesamte Innenstadt war bereits ab Vormittag wie eine große Bühne, auf der bei bestem Sommerwetter musiziert, gelesen, diskutiert, getanzt und geturnt wurde. „Wir bleiben mehr“, lautete das Motto, mit dem die Initiatoren, Bürger, Unternehmen und die Stadt, an den großen Erfolg des „Wir sind mehr“-Konzertes vom September vergangenen Jahres anknüpfen wollten.

          Gegen das Sterben von Demokratie

          Damals stand Chemnitz wegen rechtsextremer Ausschreitungen nach dem gewaltsamen Tod eines Chemnitzers an jenem 26. August beim Stadtfest tagelang weltweit in den Schlagzeilen, was ein paar eingefleischte Chemnitzer, darunter die Band „Kraftklub“ dazu veranlasste, binnen kürzester Zeit ein Konzert auf die Beine zu stellen, um zu zeigen: Ihre Stadt kann auch anders. Zum Gig kamen unter anderem Die Toten Hosen, K.I.Z, Marteria, Feine Sahne Fischfilet und 65.000 Menschen, die sich friedlich gegen Gewalt und für Weltoffenheit aussprachen. Die Veranstalter hatten einen Nerv getroffen.

          Auch deshalb sollte die Nummer keine einmalige bleiben. Und auch am Donnerstag strömten die Menschen wieder ins Zentrum, das für den Autoverkehr gesperrt war. So gab es jede Menge Platz, aber nicht nur Vergnügen, sondern es ging auch um die Zukunft und darum, wie Stadt und Gesellschaft aus der verfahrenen Lage wieder herausfinden können. Im Haus der Kunstsammlungen etwa warnte Harvard-Professor Daniel Ziblat vor dem langsamen Sterben von Demokratien durch permanente Grenzüberschreitungen und extreme Polarisierung.

          „Bewegt was! Ohnmacht umdenken“, hieß es dagegen in dem bereits erwähnten Ex-Kaufhaus, wo man unter anderem der Frage nachging, ob nicht die Fülle der Probleme – Klimawandel, Rechtspopulismus, Armut – eher Ohnmacht auslöst, und wie nachhaltig die „Wir sind“- und „Wir bleiben mehr“-Konzerte überhaupt sein können. Allein das vielfältige Angebot sei ein Zeichen, wie eine moderne Stadt funktionieren könne, lautete eine Antwort, und dass man die Hoffnung hege, dass davon etwas hängen bleibe. Natürlich sei es leicht, sich mit Leuten auszutauschen, die die Dinge ähnlich sähen wie man selbst, aber das bringe doch nichts, erwiderten andere. Ganz im Gegenteil, sagte wiederum Jan Kummer. „Ich habe schon Furcht, dass man als Demokrat zu wenig vorkommt“, sagte er. „Ständig ist überall von Rechten, AfDlern und besorgten Bürgern die Rede.“

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