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Korea : Die Mütter des Goldenen Schweins

  • -Aktualisiert am

In Korea hat man dieses Jahr Schwein gehabt Bild: dpa

Seoul im animalischen Rausch: 2007 soll das Jahr des Goldenes Schweins werden. Das Tierkreiszeichen bedeutet in Asien Glück und Reichtum und steht für Fruchtbarkeit. Die Industrie will daher mit großzügigen Angeboten einen Babyboom vorwegnehmen.

          Koreas Hebammen und Gebärkliniken erwarten dieses Jahr besonders viel Arbeit. Das liegt nicht nur daran, dass 2006, das Jahr der „zwei Frühlinge“, als eine gute Zeit zum Heiraten erachtet wurde. Den Neugeborenen wird im Jahr 2007 auch besonders viel Glück und Wohlstand vorausgesagt. Es ist nicht nur ein Jahr des Schweins im gewohnten Zwölferrhythmus des Mondkalenders, es ist ein Jahr des Roten Schweins, das alle 60 Jahre wiederkehrt. Und glaubt man manchen Voraussagen in Südkorea und China, schreibt die Zeitrechnung sogar ein Jahr des Goldenen Schweins, das angeblich nur alle 600 Jahre vorkommt. Gold und Schwein, das bedeutet auch in Asien Glück und Reichtum und gute Geschäfte.

          Streng genommen, beginnt das Jahr des Schweins erst im Februar. Doch in Korea ist das Symbol spätestens seit dem Neujahrstag des christlichen Kalenders allgegenwärtig: goldene Schweine vor Kaufhäusern und Bankfilialen, als Gebäck oder in Plastik gegossen, als Talisman und Schmuck fürs Handy. Neujahrsglückwünsche tragen Schweinemotive, Ferkel grunzen auf elektronischen Grußkarten.

          Glück bringendes Schwein

          In der Hauptstadt Seoul hat das Nationale Völkerkundemuseum dem Schwein als Glücksbringer eine eigene Ausstellung gewidmet. Für all jene Koreaner, die 2006 vom Pech verfolgt waren oder in finanziellen Schwierigkeiten steckten, birgt das neue Tierkreiszeichen einen Hoffnungsschimmer. Das gilt vor allem für die Industrie, die in den vergangenen Jahren unter der sinkenden Geburtenrate besonders zu leiden hatte. Südkorea hat mit 1,08 Kindern je gebärfähiger Frau einen der geringsten Werte der Welt. Das Schwein steht im Volksglauben auch für schnelles Wachstum und Fruchtbarkeit, und so schicken sich die Hersteller von Babyartikeln, Spielzeug, Windeln und Kraftnahrung an, in ihren Angeboten einen Babyboom vorwegzunehmen. Im Internet gibt es schon seit einigen Monaten den Chat-Room der „Mütter des Goldenen Schweins“, und das ist nicht der einzige virtuelle Ort für die Kinder dieses asiatischen Tierkreiszeichens.

          Luxuriöse Gebärkliniken im teuren Stadtteil Kangnam sind jedenfalls bis weit in den Sommer ausgebucht, und manches Hospital berichtete von flehenden Anrufen werdender Mütter, die mit aller Kunst der Medizin den Geburtstermin hinauszögern wollten, so dass ihre Kinder das Licht der Welt unter dem Schutz des Schweins erblicken könnten. „Wir wundern uns über die Frauen, die gewillt sind, solche außergewöhnlichen Risiken einzugehen“, sagt eine Krankenschwester. Das Mizmedi-Hospital in Seoul, das auf Fruchtbarkeitsbehandlungen spezialisiert ist, hat zur Zeit wesentlich mehr Patientinnen als in den Monaten zuvor. Klinikchef Lee Chang-sun aus der Provinz Gyonggi bemerkte schon Ende November, dass die Zahl der schwangeren Patientinnen im Vergleich zur selben Zeit im Vorjahr um ein Fünftel zugenommen habe. In der Zeitung „Dong-A Ilbo“ spekulierte der Demographie-Professor Jeon Gwang-hee von der Chungnam-National-Universität über eine „signifikante Steigerung“ der Geburtenrate in Südkorea 2007 infolge der Gerüchte über die Wiederkehr des Goldenen Schweins.

          Eltern setzen aufs Tierkreiszeichen Schwein

          Es ist nämlich umstritten, ob dieses Jahr wirklich ein Goldenes Schweinejahr ist. Völkerkundler, Historiker, Astrologen und Wahrsager sind sich uneins. Nicht nur den Mondkalender gilt es zu berücksichtigen. Auch die sogenannte Fünf-Elemente-Lehre (Metall, Holz, Wasser, Feuer, Erde) sowie Yin und Yang fließen in die Beurteilungen ein. In Korea müssen vor allem chinesischer Einfluss oder alte Sagen aus den drei koreanischen Königreichen herhalten, um die Bedeutung des Schweins unter den zwölf Tierkreiszeichen des Mondkalenders hervorzuheben. Nach eindeutigen Belegen, wonach Koreaner in der Vorzeit ein Jahr des Goldenen Schweins gefeiert hätten, ist bislang jedoch vergeblich gesucht worden. Mancher Wissenschaftler spricht angesichts der jüngsten Begeisterung deshalb von voreiligen Schlüssen und haltlosen Übertreibungen. Man könne jedenfalls nicht sagen, dass Koreaner dem Roten oder Goldenen Schwein in der Vergangenheit größere Bedeutung beigemessen hätten, erläuterte der Direktor eines bekannten koreanischen Völkerkunde-Instituts.

          Nicht von ungefähr wird derzeit auch von einigen Wissenschaftlern und Ärzten vermutet, dass die Mythen um das vermeintliche Jahr des Goldenen Schweins kommerziellen Hintergrund haben. Die Industrie, die von einer höheren Geburtenrate profitiert und die Eltern in diesem Jahr zu besonders großzügigen Ausgaben für ihre Sprösslinge animieren will, setzt jedenfalls unverhohlen auf das Goldene Schwein. Immerhin steht dieses Tierkreiszeichen auch bei den Nachbarn China und Japan für ein besonders gewinnbringendes Jahr. Sollte die Geburtenrate tatsächlich 2007 deutlich steigen, sagen Bedenkenträger dieser Generation allerdings auch schon schwierige Zeiten voraus: Wenn es dann in ein paar Jahren um die begehrten Plätze in guten Schulen und erstklassigen Universitäten gehe, wäre der Ausleseprozess noch härter als heute.

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