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Konzert in Chemnitz : Ist das Party oder Protest?

Zehntausende Menschen kommen in Chemnitz zusammen. Bild: EPA

Schätzungsweise 65.000 Menschen aus ganz Deutschland kommen zum „Wirsindmehr“-Konzert nach Chemnitz. Die Besucher brüllen „Nazis raus“. Doch auch Rechte sind auf der Straße präsent.

          6 Min.

          „Und wir singen im Atomschutzbunker. Hurra, die Welt geht unter!“ Im Regionalzug nach Chemnitz ist die Stimmung am Montagnachmittag ausgelassen. Es ist voll, stickig, eng, junge Leute stehen dicht gedrängt auf dem schmalen Gang neben den Sechserabteilen. Durch die verschmierten Scheiben der Bahn sieht man graue Wolken und Nieselregen, an der Wand daneben klebt ein Sticker: „Ganz Bingen hasst die AfD“. Als das „Hurra“ aus dem K.I.Z.-Lied „Die Welt geht unter“ ertönt, stimmen die ersten ein, und „die Welt geht unter“ grölen dann alle mit. Es wird am offenen Fenster im Gang geraucht, beerenrote Alkopops werden getrunken, es herrscht Festivalatmosphäre. Fröhlich im Regionalzug dem Weltuntergang entgegen. Aber warum feiern heute alle?

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin
          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Julia Syndram feiert nicht, sie sitzt ganz ruhig in einem der Abteile. Aber auch ihr Ziel ist das #wirsindmehr-Konzert, das die Band „Kraftklub“ organisiert hat, um nach den Ausschreitungen der vergangenen Woche in Chemnitz ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Ein 35 Jahre alter Deutscher war beim Stadtfest durch eine Messerattacke getötet wurde. Ein Iraker und ein Syrer sind tatverdächtig, bei Demonstrationen von Rechten und Gegendemonstranten war es danach zu Krawallen gekommen. Julia Syndram ist erst 19 Jahre alt, hat aber schon mit 15 Jahren das erste Mal gegen Pegida in Dresden demonstriert. Und sie war auch am Samstag in Chemnitz, als es bei den Demonstrationen Verletzte gab.

          „Auf dem Heimweg habe ich dann so ein paar Party-People getroffen, die gerade aus dem Club kamen. Die haben gesagt: Geil, am Montag sind wir auch dabei“, sagt Syndram, die sich in Halle bei den Jusos engagiert. „Es geht hier aber immer noch um den Tod eines Mannes und dass dieser Tod von Nazis instrumentalisiert wird.“ Sie hoffe, dass die vor dem Konzert geplante Schweigeminute eingehalten werde. „Aber ich habe ein gutes Gefühl.“ Es seien ja Bands dabei, die seit Jahren gegen Rechts kämpften. „Kraftklub war am Samstag auch da und sie haben mein Plakat unterschrieben.“ Was darauf stand? „Gegen den verfickten braunen Mob.“

          „Zeit, dass wir uns die Straße wiederholen“

          Ihr gegenüber sitzt Manuel Muja, er ist um neun Uhr aus Hamburg losgefahren. Dort arbeitet er für einen Europaabgeordneten der Grünen, der ihm für den Tag gerne freigegeben hat. „Die Bilder von vergangener Woche haben mich schockiert“, sagt Muja. „Das war eine neue Dimension, dass da Leute auf der Straße angegriffen wurden, weil sie ausländisch aussahen.“ Mit dem Event-Charakter des Konzerts hat er kein Problem. „Das sorgt für eine größere Mobilisierung und dadurch für mehr Sicherheit. Viele Menschen haben sich vorher einfach nicht hergetraut, das kann ich auch verstehen.“ Zu denen gehören Florian und Kyra, die neben ihm sitzen. Am Anfang hätten sie ein mulmiges Gefühl wegen der Bilder gehabt, doch „es kommen so viele Leute, so viel Polizei“, sagt Florian, „da fühlen wir uns sehr sicher“. Übernachten werden sie bei einem Paar, das sie noch gar nicht kennen. In einer Facebook-Gruppe hatten sie nachgefragt, ob es irgendwo noch einen Schlafplatz gebe – und sofort eine positive Antwort bekommen. „Wir sind gespannt, was die Chemnitzer erzählen, die alles unmittelbar mitbekommen haben“, sagt Kyra. Es sei auf jeden Fall Zeit, um ein Zeichen zu setzen, „dass wir uns die Straße wiederholen.“

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