https://www.faz.net/-gum-9e05z

Konzert in Chemnitz : Ist das Party oder Protest?

Stadt Chemnitz schätzt Besucher auf 65.000

Die Minute ist kurz. Die Veranstalterin sagt noch etwas und da geht es irgendwo hinten los: „Nazis raus! Nazis raus!“ Irgendwann brüllen sie alle, die Jungen, die Alten, der ganze Platz. Auf 50.000 schätzt die Stadt Chemnitz kurz nach der Beginn der Veranstaltung die Zahl der Besucher. Am Ende sollen es 65.000 gewesen sein. Der Parkplatz ist lange voll, die Straße dahinter abgesperrt. Menschen stehen zwischen Straßenbahnschienen, mitten auf der Hauptstraße, in Verkehrsinseln. Einige Jugendliche haben es sich in Sitzkreisen auf dem bloßen Asphalt bequem gemacht, das Dosenbier in der Hand. Klar sind es heute mehr, klar sind es heute viele. Was sie heute Abend aber auch sind: weiblicher. Und viel, viel bunter. Während bei den Naziaufmärschen der vergangenen Tage vorrangig Bilder von jungen Männern durch die Medien gingen, sind hier junge Frauen mit Kopftüchern, junge Männer mit pinkfarbenen Haaren, Menschen in Regenbogenfarben gewandet, Menschen, die sich am vergangenen Montag vermutlich allein aufgrund ihres nicht „biodeutschen“ Aussehens nicht auf die Straßen getraut hätten. 

Spendendosen werden durch die Reihen gegeben, junge Menschen mit Dosen laufen schon zu Beginn der Veranstaltung durch die Reihen und fragen nach Geld. Fünfzig Prozent der Erlöse sollen an die Angehörigen des getöteten Daniel H. gehen. Die andere Hälfte an Organisationen in Sachsen, die sich gegen rechtsradikale Gewalt und Rassismus einsetzen. Eine Gruppe Kinder schlängelt sich vorbei, durch die Reihen, „nach vorne“ wollen sie. „Einfach an den Bauchtaschen festhalten“, kichert ein Mädchen. Sie tragen Glitzer im Gesicht, wie die Großen, und schauen zur Bühne, auf der jetzt Trettmann, der HipHop-Star aus Chemnitz steht. Vielleicht ist es ja das erste große Konzert, das sie ohne Eltern besuchen dürfen. Als wenig später Kraftklub auftreten, werden schon schwitzige Leiber auf ausgestreckten Armen weitergereicht, kurz nach dem Kommando „Hinsetzen“ springen alle durcheinander.

Und als die Sonne untergegangen ist und Campino die Bühne betritt, wird es endgültig, anders kann man es nicht nicht sagen, eine riesige, laute und bewegende Show. Die Toten Hosen geben alles – und singen vor allem die alten Hits gegen Rechts. Zwischen zwei Liedern fängt die Menge plötzlich an zu jubeln: Auf dem Balkon im obersten Stockwerk eines Hochhauses leuchtet und raucht rot ein Bengalo über den inzwischen 65.000 Besuchern auf. „Man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll“, ruft Campino. „Wenn es jetzt heute noch gewaltfrei bleibt, ist das ein Fünf zu Null.“ Zum Abschluss holt er noch ein paar alte Bekannte auf die Bühne: Arnim Teutoburg-Weiß, Sänger der Beatsteaks, und Rod Gonzalez von den Ärzten. Gemeinsam mit den Zehntausenden Besuchern stimmen sie die Anti-Nazi-Hymne der Ärzte an: Schrei nach Liebe. Und am Ende ist klar: Die Menschen, die gegen Rechts auf die Straße gehen, sind in Chemnitz tatsächlich mehr. Zumindest, wenn es ein schönes Konzert kostenlos gibt.

Weitere Themen

Reiseverbot für Junge!

Landarzt Thomas Assmann : Reiseverbot für Junge!

Party, Ballermann und Sonnenbad: F.A.S.-Kolumnist Thomas Assmann blickt mit Sorge auf deutsche Urlauber, die sich an ausländischen Stränden dicht an dicht drängen. Und fordert ein Reiseverbot für junge Menschen.

Land will noch nicht eingreifen

Corona-Fälle in Offenbach : Land will noch nicht eingreifen

Die Corona-Fälle in Offenbach häufen sich, aber die hessische Regierung hält die Füße still – und appelliert an die Bürger, die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten und Alltagsmasken zu tragen.

Topmeldungen

Unser Autor: Oliver Georgi

F.A.Z.-Newsletter : Die Mutter aller Verschwörungsmythen

Nach der unfassbaren Katastrophe von Beirut wird nun die Schuldfrage immer lauter. Wie gefährlich die QAnon-Bewegung ist und was am Freitag sonst noch wichtig wird, steht im Newsletter für Deutschland.
Karl-Theodor zu Guttenberg bekam 2010 noch Applaus auf dem CDU-Parteitag.

Rückkehr in die Politik? : Guttenberg und sein Verhältnis zu Merkel

Karl-Theodor zu Guttenberg hat noch immer einen guten Draht zur Kanzlerin. Das wurde im Zuge der Wirecard-Affäre deutlich. Arbeitet der frühere Verteidigungsminister an seiner Rückkehr oder hat er sich endgültig die Finger verbrannt?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.