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Konzert in Chemnitz : Ist das Party oder Protest?

In Chemnitz wird der Zug von einer Gruppe Polizisten empfangen, die die Ankömmlinge filmen. In der Stadt ist die Stimmung ruhig, vor der Stadthalle sammeln sich die ersten Besucher. Auf einer Pressekonferenz ist Felix Brummer, der Sänger von Kraftklub, kurz darauf von dem großen Zuspruch sichtlich bewegt. Er sagt aber auch: „Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man jetzt ein Konzert macht und damit die Welt gerettet und alle Probleme gelöst sind.“ Er und seine Bandkollegen würden aber auch in Chemnitz sein, „wenn die ganzen Kameras weg sind“. Auch Marteria wird persönlich. Als Rostocker erinnert er sich an die Anschläge von Rostock-Lichtenhagen: „Ich saß mit meiner Mutter und meiner Schwester heulend im Wohnzimmer“, sagt er. Und fügt hinzu: „Wir haben täglich auf die Fresse bekommen damals.“ Auch auf das Zitat von Ministerpräsident Michael Kretschmer, dass er das Konzert nicht verhindern könne, gehen die Musiker ein. „Wir gehen es vielleicht mal positiv an“, sagt Campino süffisant. „Wir halten ihm zugute, dass er überhaupt keine Ahnung hatte, worum es hier eigentlich ging.“

„Hier ist ein Mensch grausam ermordet worden und die feiern hier“

An dem Ort, an dem vor mehr als einer Woche alles anfing, legen Menschen unterdessen Blumen nieder. Ein paar Meter entfernt von einer Tanzschule wurde Daniel H. erstochen. Neben der Gedenkstätte steht am Montagnachmittag eine Gruppe junger, zum Teil tätowierter Männer, manche tragen Jogginghosen mit aufgedruckten Runen. Der Fußballfan-Slogan „Chemnitz – kämpfen und siegen“ steht auf einem Pullover. Die Männer diskutieren über die Vorfälle am vergangenen Samstag. „Ich habe die Antifa gesehen, die waren vermummt und haben alles geworfen, was da rumlag“, sagt einer. Er stehe ja zu seiner „rechten Meinung“, aber die Gewalt sei von den Linken ausgegangen. „Du hast einfach eine Meinung, das ist dein Recht, du brauchst nicht ,rechte Meinung‘ sagen“, sagt ein anderer. Dann entrollt ein Mann aus der Gruppe ein Transparent. „Komm wir hängen das jetzt auf, ich will dass die das alle sehen, wenn sie zu dem Konzert gehen.“ Mit Klebeband und Steinen bringen sie das Plakat über einem Denkmal an, darauf steht: „Danke für das Konzert um den Hinrichter und dessen Unterstützer zu bestärken.“ Einer der Männer ruft aufgebracht: „Hier ist ein Mensch grausam ermordet worden und die feiern hier.“ Ein paar Minuten lang beäugen die Menschen auf dem Weg zum Konzert das Plakat kritisch, dann reißt ein Punker es herunter. Bedrohlich baut sich einer der Hooligans vor ihm auf, ein Polizeiwagen kommt angerast. Die Beamten sorgen dafür, dass das Plakat erst mal nicht wieder aufgehängt wird. Die Lage beruhigt sich.

Eingeheizt: Zuschauer beim Konzert in Chemnitz

Und dann geht es los. Für die letzten Wespen des Jahres muss das hier ein wahres Freudenfest sein. So süß, der Schweiß der Menge – es ist ein schwüler Tag –, so vibrierend die Luft. Hier eine Lockenmähne, da ein Dosenbier. Alles ideale Orte, um sich niederzulassen als gestresste Spätsommerwespe. Aber: „Nazis nerven mehr als Wespen“, steht auf einem Schild. Die Insekten werden friedlich hingenommen. Nazis eher nicht. Die Veranstalter beginnen mit einer Schweigeminute für Daniel. „Lasst uns gemeinsam an Daniel erinnern, dem sein Leben genommen wurde. Lasst uns auch an die Menschen erinnern, die Opfer rechter Gewalt wurden.“ Dann wird geschwiegen für den Mann, mit dessen grausamem Tod alles begann. Die Menge ist still, schaut nach vorn, nach oben, nach unten. Die Stille wird untermalt von einem leisen Sirren: eine Drohne schwebt leise ratternd über den Köpfen der Schweigenden.

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