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Konstanzer Konzil : Als die Weltgeschichte an den Bodensee kam

Damals kamen 70.000 Gäste und 800 Huren: der Seehafen von Konstanz, in dem 1417 Papst Martin V. gewählt wurde Bild: Joana Kruse

Vier Jahre lang feiert Konstanz das Konzil vor 600 Jahren und erinnert damit an eigene goldene Zeiten. Die Stadt ersetzte eine Weile Rom als Zentrum der Christenheit, Paris als Hort der Gelehrsamkeit und Prag als Ort der Reichsverwaltung.

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          Die Konstanzer scheinen feierfreudig zu sein. Vier Jahre lange wollen sie an das Konstanzer Konzil vor 600 Jahren erinnern. 1964, zum 550. Jubiläum, reichten noch zwei Wochen. Zwölf Millionen Euro lässt man sich das Jubiläum kosten, das seit Jahren vorbereitet wird. Allein in diesem Jahr gibt es drei Ausstellungen, eine Theater-Uraufführung und einen „science slam“. Vom Konzilsbier, Konzilstee und Anisbrötli bis zum Salat mit Kräutern, die im Spätmittelalter üblich waren, bietet die Stadt alles, was mit dem Weltereignis in Zusammenhang gebracht werde könnte. Für Kinder wird die Geschichte sogar mit Playmobil-Figuren nachgestellt.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Johannes XXIII. – nicht zu verwechseln mit dem gerade heilig gesprochenen Namensvetter – und König Sigismund wählten die Stadt am Bodensee für die Zusammenkunft weltlicher und geistlicher Führer aus, weil Sicherheit garantiert war, die politischen Abhängigkeiten nach Italien kontrollierbar erschienen und gute Verpflegung angeboten wurde – Schnecken und Frösche für die anspruchsvollen italienischen Kardinäle ließen sich aus dem Umland beschaffen. In Konstanz bestand keine Pestgefahr, das Wasser war für spätmittelalterliche Verhältnisse sauber, und die Bewohner der Bischofsstadt waren vertraut mit den Ritualen der Kirche. Konstanz ersetzte vier Jahre lang Rom als Zentrum der Christenheit, Paris als Hort der Gelehrsamkeit und Prag als Ort der Reichsverwaltung.

          Gültigkeit des reformerischen Dokuments „Haec sancta“ umstritten

          Das Ergebnis des Konzils bewerten Historiker heute als eher mäßig: Die Spaltung des päpstlichen Amtes auf drei Amtsträger wurde zwar überwunden, viele theologischen Fragen aber vertagt. Zur durchgreifenden Reform der Amtskirche nach dem Vorbild der urchristlichen Apostelgemeinschaft kam es nicht. Über die Gültigkeit des reformerischen Dokuments „Haec sancta“, mit dem sich das Konzil über den Papst stellte, streiten katholische Kirchenhistoriker bis heute.

          Im Büro der „Konzilstadt“ weisen Besucher die Organisatoren immer wieder empört darauf hin, dass Jan Hus in Konstanz als Ketzer verurteilt und verbrannt worden sei. Mit solchen Einwänden haben die Planer der Feiern natürlich gerechnet, weshalb sie dem tschechischen Reformator ein eigenes Gedenkjahr gewidmet haben. 2015 stehen Hus und Hieronymus von Prag im Mittelpunkt des Gedenkens; Hus starb am 6. Juli 1415, am 30. Mai 1416 wurde Hieronymus hingerichtet. An Hus wird mit einem großen Findlingsstein und einem Museum erinnert. Über einen möglichen „Hus-Preis“ und ein „Hus-Denkmal“ wird in der katholischen Stadt wohl noch länger diskutiert. Hus ist ein tschechischer Nationalheiliger und auch wegen seiner Bevorzugung der Prädestinationslehre und seiner Abwertung der Frau eine schwierige Figur.

          Konstanz ist reich an Bauzeugnissen aus der Konzilszeit: Das Kaufhaus, direkt am Seehafen gelegen, in dem das Konklave am 11. November 1417 Oddi di Colonna zum Papst Martin V. wählte und das fälschlicherweise bis heute Konzilsgebäude heißt, ist ebenso zu besichtigen wie das Münster, in dem das Konzil 45 Mal tagte und Hus verurteilt wurde.

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