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Zum Ende von „Wetten, dass..?“ : Die eilige Familie

  • -Aktualisiert am

Eine Show wie ein Überraschungsei: Spiel, Spaß und Spannung Bild: dpa

Es waren die Samstagabende der Generation Golf: Mit der Familie auf dem Sofa sitzen und „Wetten, dass..?“ gucken. Das ist vorbei. Nicht wegen Markus Lanz, sondern weil sich die Zeiten geändert haben. Gedanken zum Abschied.

          Ja, ist uns denn nichts mehr heilig? Jetzt ist auch noch „Wetten, dass..?“ dem Untergang geweiht. Vielleicht lohnt es sich, an diesem Samstagabend noch ein letztes Mal einzuschalten und sich im flackernden Licht ein paar Gedanken darüber zu machen, was verlorengeht, wenn die einst beliebteste Unterhaltungssendung des deutschen Fernsehens Fernsehgeschichte sein wird.

          Man muss über dem Ende von „Wetten, dass..?“ nicht melancholisch werden. Dafür waren die Witze zu schal, die Stars zu bekannt, die Wetten zu absurd, die Sitzmöbel zu breit. Seit dem Unfall von Samuel Koch vor vier Jahren und seit dem Ausstieg von Thomas Gottschalk vor drei Jahren war der Zauber verflogen. Eine Sendung muss Sinn und Seele haben. Diese Sendung hatte beides nicht mehr – und nicht nur wegen des Moderators Markus Lanz, der sich stets bemühte.

          Das Fernsehen hat mit dem Wandel nicht Schritt gehalten

          Die Grundidee, Stars, Wetten und Musik zu bieten, brachte lange passable Unterhaltung hervor. Für die „Generation Golf“ bestanden Samstagabende wirklich noch darin, zu baden, ein Nutella-Brot zu essen und „Wetten, dass..?“ zu schauen – so wie Florian Illies es geschildert hat. Die Eurovisionsfanfare wurde zu einer Art Hymne des seichten Lebens. Und sie schuf die Gewissheit, dass man nicht nur in die eigene, sondern auch in die europäische Familie eingebettet war.

          Vorbei, vergessen. Der Europa-Gedanke leidet. Familien sitzen nicht mehr gemeinsam vor dem Fernseher. Schon im zarten Alter von zehn Jahren sind die meisten Kinder im Netz unterwegs. Die Zuschauer, die in den sechziger und siebziger Jahren geboren wurden, fahren nicht mehr Golf, sie spielen Golf. Und sie sind keine definierbare Generation mehr.

          Es geht also beim Ende der größten europäischen Fernsehshow nicht nur darum, dass sich ein Format im Alter von 33 Jahren überlebt hat. Die Gesellschaft hat sich geändert, und das Fernsehen hat nicht Schritt gehalten.

          Krawall-Entertainment statt harmloser Witzchen

          Zwei Nachrichten der vergangenen Wochen illustrieren das beispielhaft. Von den 39,9 Millionen Haushalten in Deutschland sind schon etwa 41 Prozent Ein-Personen-Haushalte: Was will man da mit einer Familiensendung? Als „Wetten, dass..?“ ins Leben gerufen wurde, waren samstags nach 14 Uhr die Geschäfte zu und der „lange Samstag“, der erste Samstag im Monat, dauerte gerade mal bis 18.30 Uhr. Heute will der Einzelhandel, dass Geschäfte rund um die Uhr geöffnet sein dürfen. Und schon an diesem Samstag wird man sich zu spät vor dem Fernseher einfinden, wenn man die Ikea-Öffnungszeiten bis 21 Uhr voll ausschöpft.

          Wo ist das Familienleben geblieben? Es wäre wieder Zeit für die alte Gewerkschaftsparole „Samstags gehört Vati mir“. Die Zeitbudgets der Menschen sind durch flexible Arbeit, mobile Internetnutzung, verlängerte Ladenöffnung und intensivere Freizeitbeschäftigungen so fragmentiert, dass eine gemeinsame ruhige Minute am Samstag kaum noch zu haben ist. Die eilige Familie geht am Wochenende Partikularinteressen nach. Ob die Kirchen es im Verein mit den Gewerkschaften wohl schaffen, wenigstens den Sonntag von den Zumutungen konstanten Konsums freizuhalten?

          In der Unterhaltungsbranche folgt dem Freizeitstress die Kurzatmigkeit. Die großen Erzählformen werden in kleiner Münze ausgezahlt. Den langatmigen Spielfilm ersetzt das lustige Katzenvideo. Statt harmloser Witzchen für die ganze Familie zählt seit Stefan Raab und erst recht seit Joko und Klaas das Krawall-Entertainment. Die Samstagabendunterhaltung – schon das Wort klingt so alt wie Peter Frankenfeld – kommt da nicht mit.

          Der Allround-Anbieter leidet unter der Individualisierung

          Das Fernsehen ist heute ein Nebenhermedium. Da helfen auch keine Lautstärke und keine Einbindung des Zuschauers: Die Interaktivität, die das Internet schon im Namen trägt und mit den sozialen Netzwerken so gut beherrscht – in dieser Sendung war sie in Form der Saal- und Stadtwette nur eine Karikatur des Empfängers, der auch mal ein Sender sein möchte.

          Und generell: Wer schafft es eigentlich noch, drei Stunden auf dem Sofa stillzusitzen? Schon beim 7:1 der Deutschen gegen Brasilien zur Fußball-Weltmeisterschaft sahen die meisten Zuschauer nicht alle Tore, weil sie anderweitig beschäftigt waren. Die nichtlineare Fernsehnutzung mit dauerndem Zugriff auf jede Sendung führt schon deshalb zur Oberflächlichkeit und Sprunghaftigkeit, weil man ja alles jederzeit noch mal sehen könnte. Am Ende ist das Fernsehleben ein Flickenteppich zeitversetzter personalisierter Vorlieben. Wir amüsieren uns allein zu Tode.

          In den besten Zeiten von „Wetten, dass..?“ – es war Mitte der Achtziger – sahen mehr als 20 Millionen zu. Zuletzt war es nicht einmal mehr ein Drittel davon. Der Allround-Anbieter von Spiel, Spaß und Spannung leidet unter der Individualisierung der Lebensstile wie das Kaufhaus, das jeden zufriedenstellen möchte und kaum noch jemanden reizt. Mit dem Verbindenden schwinden die Verbindlichkeiten: Die Wertegemeinschaft auf dem Sofa bricht auseinander. Den Kindern sollte man also heute erlauben, länger aufzubleiben – damit sie sich eines Tages an das Flimmern der Gemeinschaft erinnern.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

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