https://www.faz.net/-gum-8oyqp

Komiker mit Wurzeln in Marokko : „Nafri ist eine ganz schreckliche Bezeichnung“

Polizisten umringen an Silvester vor dem Hauptbahnhof in Köln eine Gruppe südländisch aussehender Männer. Bild: dpa

Was halten eigentlich Deutsche mit nordafrikanischen Wurzeln von der Abkürzung „Nafri“? Komiker Benaissa Lamroubal lebt schon lange in Neuss bei Köln. Jetzt fühlt er sich mit Straftätern in eine Schublade gesteckt.

          4 Min.

          Herr Benaissa Lamroubal, Sie sind in Marokko geboren, leben seit ihrem ersten Lebensjahr aber in Neuss bei Köln. Wie haben Sie Silvester verbracht?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich habe mit ein paar befreundeten Pärchen einen Spieleabend gemacht.

          Typisch Deutsch, oder?

          Ja, obwohl wir fast alle Nordafrikaner waren. Na ja, die meisten wurden hier geboren.

          Die Kölner Polizei hat in der Silvesternacht getwittert: „Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft.“ Gemeint waren Nordafrikaner. Wie fänden Sie und ihre Freunde es, wenn ich Sie als „Nafri“ bezeichne?

          Nicht gut. Ich verstehe auch die Definition nicht: Woher will man denn auf den ersten Blick wissen, ob jemand aus Nordafrika, Brasilien oder dem Irak kommt? Ich selbst kann das optisch nicht immer unterscheiden.

          „Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man“, hat ein Polizeisprecher zu „Spiegel Online“ gesagt.

          Das glaube ich nicht, wir können ja mal ein Spiel mit zehn Leuten organisieren, die er dann kategorisiert. Das wird nicht gut laufen für ihn.

          Abgesehen davon, was halten Sie von dem Begriff?

          Ich finde, „Nafri“ ist eine ganz schreckliche Bezeichnung. Es bezieht sich nur auf die Oberfläche. Ich finde es gut, dass die Kontrollen in Köln gemacht wurden, nach allem, was da im letzten Jahr passiert ist. Ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn ich am Kölner Hauptbahnhof gewesen und kontrolliert worden wäre. Ich hätte gerne meinen Ausweis gezeigt, ich habe nichts zu verbergen. Und es ist gut, dass für Sicherheit gesorgt wird. Aber diese Pauschalisierung halte ich  für die falsche Herangehensweise. Man muss nicht jeden, der nordafrikanisch aussieht, in eine Schublade stecken.

          Im Grunde genommen ist es ja nur eine Abkürzung. In welche Kategorie würden Sie es einordnen: Ami, Ossi, oder Neger?

          Neger ist ein bisschen schlimmer, die Kategorie Ossi trifft es besser. Das Wort ist auch beleidigend und steckt alle Ostdeutschen in eine Schublade.

          Benaissa Lamroubal (Mitte) mit seiner Gruppe „RebellComedy“.
          Benaissa Lamroubal (Mitte) mit seiner Gruppe „RebellComedy“. : Bild: dpa

          Der Polizeipräsident von Köln hat sich mittlerweile für den Begriff entschuldigt und gesagt, das Wort werde als „Arbeitsbegriff“ innerhalb der Polizei verwendet und hätte nicht getwittert werden dürfen. Stellt Sie das zufrieden?

          Nein, ich finde das auch fragwürdig, wenn es nur intern genutzt wird. Es zeigt doch, wie sie uns sehen und behandeln. Wie gesagt, ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn ich in Köln kontrolliert worden wäre. Wenn der Polizist am Funkgerät dann diesen „Arbeitsbegriff“ genutzt und gesagt hätte, „wir haben hier einen ,Nafri'“, dann hätte ich mich beleidigt gefühlt.

          Unklar ist bisher, ob das Wort „Nafri“ generell Personen bezeichnen soll, „die dem nordafrikanischen Spektrum zugeordnet werden", wie es ein Pressesprecher sagte, oder ob es um Straftäter aus dieser Region geht, so wird der Begriff bei der Polizei intern genutzt. 

          Ganz klar: Der Begriff ist behaftet mit Straftaten. Keiner würde einen Diplomaten oder einen guten Fußballer „Nafri“ nennen. Das Wort ist nach den Vorfällen an Silvester vor einem Jahr aufgekommen, vorher hat man wenigstens noch zwischen Marokkanern, Tunesiern und Algeriern unterschieden. Ich glaube, Ägypter und Libyer fallen bis heute nicht unter den Begriff, warum auch immer.

          Köln : Polizei zieht nach Silvesternacht positive Bilanz

          Aber am Ende bleibt es doch einfach nur eine Abkürzung. Was ist daran so schlimm?

          Die Integration wird schwieriger. Ich bin im Alter von einem Jahr nach Deutschland gekommen und bin hier zur Schule gegangen, habe mich integriert und mein ganzes Leben hier verbracht. Aber es ist schwer, sich als Deutscher zu fühlen, wenn man wegen seines Aussehens in so eine Kategorie eingeordnet wird.

          Aber daran sind doch auch Ihre Landsleute schuld, die hier Straftaten begehen.

          Ja, aber man sieht schon daran, wie sie nach Deutschland gekommen sind, dass diese Kategorisierung nach optischen Merkmalen Quatsch ist. Viele haben ihre Pässe weggeschmissen, sich als Syrer ausgegeben und sind über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. Da hat niemand erkannt, dass das „Nafris“ sind.

          Warum sind es gerade Gruppen aus Nordafrika, die sich gegenüber Frauen oft so aggressiv verhalten?

          Keine Ahnung, vielleicht liegt es an dem Bild, das dort von Frauen in Europa herrscht. Die Leute wollen hier ankommen und nach Möglichkeit schnell eine deutsche Frau finden. Und sie haben gelernt, dass man schnell handeln muss, um hier eine Frau zu bekommen.

          Aber es kann ja wohl niemand glauben, dass er eine Ehefrau findet, indem er Frauen aus Gruppen heraus angreift.

          Das sind vielleicht Phantasien, die diese Menschen haben. Aber ich will das auf keinen Fall verteidigen. Es ist falsch und bedrohlich, was an Silvester vor einem Jahr passiert ist. Mir tun die Frauen Leid. Aber die Täter sind Kriminelle, Punkt. Und die gibt es in jedem Land. Wenn ein Deutscher straffällig wird, steht das auch nicht dabei in der Presse.

          Aber Sie haben doch gerade gesagt, dass es einen kulturellen Hintergrund gibt. Dass in manchen Teilen Nordafrikas eine falsche Vorstellung davon herrscht, wie man hier mit Frauen umgeht. Das muss man doch thematisieren, da ist die Herkunft doch wichtig, um die Ursache zu verstehen.

          Aber dieses Bild von Frauen haben doch auch teilweise Leute aus Afghanistan oder dem Irak. Warum muss man das auf Nordafrikaner beziehen? Okay, vielleicht hilft es bei der Suche nach der Ursache, wenn man schaut, wieso sich jemand so verhält. Aber wieso schafft man eine Kategorie, in die auch alle Menschen fallen, die seit Jahren hier in Deutschland leben und sich große Mühe geben? Was habe ich damit zu tun? Als Komiker versuche ich mit meiner Gruppe „RebellComedy“ trotzdem, das Thema mit Humor anzugehen. Gerade haben wir das Video „Du bist mein Visum“ veröffentlicht, in dem ein Asylbewerber Frauke Petry von der AfD umwirbt. Am schönsten wäre es, wenn wir alle gemeinsam darüber lachen könnten.

          Was würden Sie den Nordafrikanern gerne sagen, die vor einem Jahr die Frauen in Köln angegriffen haben?

          Was Ihr gemacht habt, ist schrecklich. Und ihr macht unsere Integration kaputt. Viele Nordafrikaner haben sich seit 40 Jahren tadellos verhalten, sind gut angekommen und froh, hier leben zu dürfen. Jetzt stecken sie plötzlich mit in dieser Schublade, werden ständig kontrolliert und schief angeschaut. Ich finde aber auch, dass die Deutschen uns mehr verteidigen sollten, davon erzählen, was sie für positive Erfahrungen mit Nordafrikanern gemacht haben.

          Die Fragen stellte Sebastian Eder.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf Truppenbesuch: Wolodymyr Selenskyj

          Ukraine-Konflikt : Kiews West-Offensive

          Angesichts des russischen Truppenaufmarsches sucht der ukrainische Präsident Selenskyj die Nähe zu EU und Nato. Kann er so das Blatt im Osten seines Landes wenden?
          September 2020: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verfolgt im Bayerischen Landtag eine Rede von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

          Die K-Frage der Union : Söder muss nur noch zuschauen

          Die Unterstützung in der CDU für die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet bröckelt Stück für Stück. Umso entschlossener wirkt die CSU. Die christsoziale Kampfmaschine funktioniert reibungslos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.