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Komiker mit Wurzeln in Marokko : „Nafri ist eine ganz schreckliche Bezeichnung“

Polizisten umringen an Silvester vor dem Hauptbahnhof in Köln eine Gruppe südländisch aussehender Männer. Bild: dpa

Was halten eigentlich Deutsche mit nordafrikanischen Wurzeln von der Abkürzung „Nafri“? Komiker Benaissa Lamroubal lebt schon lange in Neuss bei Köln. Jetzt fühlt er sich mit Straftätern in eine Schublade gesteckt.

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          Herr Benaissa Lamroubal, Sie sind in Marokko geboren, leben seit ihrem ersten Lebensjahr aber in Neuss bei Köln. Wie haben Sie Silvester verbracht?

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich habe mit ein paar befreundeten Pärchen einen Spieleabend gemacht.

          Typisch Deutsch, oder?

          Ja, obwohl wir fast alle Nordafrikaner waren. Na ja, die meisten wurden hier geboren.

          Die Kölner Polizei hat in der Silvesternacht getwittert: „Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft.“ Gemeint waren Nordafrikaner. Wie fänden Sie und ihre Freunde es, wenn ich Sie als „Nafri“ bezeichne?

          Nicht gut. Ich verstehe auch die Definition nicht: Woher will man denn auf den ersten Blick wissen, ob jemand aus Nordafrika, Brasilien oder dem Irak kommt? Ich selbst kann das optisch nicht immer unterscheiden.

          „Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man“, hat ein Polizeisprecher zu „Spiegel Online“ gesagt.

          Das glaube ich nicht, wir können ja mal ein Spiel mit zehn Leuten organisieren, die er dann kategorisiert. Das wird nicht gut laufen für ihn.

          Abgesehen davon, was halten Sie von dem Begriff?

          Ich finde, „Nafri“ ist eine ganz schreckliche Bezeichnung. Es bezieht sich nur auf die Oberfläche. Ich finde es gut, dass die Kontrollen in Köln gemacht wurden, nach allem, was da im letzten Jahr passiert ist. Ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn ich am Kölner Hauptbahnhof gewesen und kontrolliert worden wäre. Ich hätte gerne meinen Ausweis gezeigt, ich habe nichts zu verbergen. Und es ist gut, dass für Sicherheit gesorgt wird. Aber diese Pauschalisierung halte ich  für die falsche Herangehensweise. Man muss nicht jeden, der nordafrikanisch aussieht, in eine Schublade stecken.

          Im Grunde genommen ist es ja nur eine Abkürzung. In welche Kategorie würden Sie es einordnen: Ami, Ossi, oder Neger?

          Neger ist ein bisschen schlimmer, die Kategorie Ossi trifft es besser. Das Wort ist auch beleidigend und steckt alle Ostdeutschen in eine Schublade.

          Benaissa Lamroubal (Mitte) mit seiner Gruppe „RebellComedy“.
          Benaissa Lamroubal (Mitte) mit seiner Gruppe „RebellComedy“. : Bild: dpa

          Der Polizeipräsident von Köln hat sich mittlerweile für den Begriff entschuldigt und gesagt, das Wort werde als „Arbeitsbegriff“ innerhalb der Polizei verwendet und hätte nicht getwittert werden dürfen. Stellt Sie das zufrieden?

          Nein, ich finde das auch fragwürdig, wenn es nur intern genutzt wird. Es zeigt doch, wie sie uns sehen und behandeln. Wie gesagt, ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn ich in Köln kontrolliert worden wäre. Wenn der Polizist am Funkgerät dann diesen „Arbeitsbegriff“ genutzt und gesagt hätte, „wir haben hier einen ,Nafri'“, dann hätte ich mich beleidigt gefühlt.

          Unklar ist bisher, ob das Wort „Nafri“ generell Personen bezeichnen soll, „die dem nordafrikanischen Spektrum zugeordnet werden", wie es ein Pressesprecher sagte, oder ob es um Straftäter aus dieser Region geht, so wird der Begriff bei der Polizei intern genutzt. 

          Ganz klar: Der Begriff ist behaftet mit Straftaten. Keiner würde einen Diplomaten oder einen guten Fußballer „Nafri“ nennen. Das Wort ist nach den Vorfällen an Silvester vor einem Jahr aufgekommen, vorher hat man wenigstens noch zwischen Marokkanern, Tunesiern und Algeriern unterschieden. Ich glaube, Ägypter und Libyer fallen bis heute nicht unter den Begriff, warum auch immer.

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