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Knigge online : Mit Mausklick ins Benehmen gesetzt

  • -Aktualisiert am

Schüler üben in Kursen gutes Benehmen Bild: dpa

Auf den Foren der Website „Knigge.de“ tummeln sich Menschen, die nicht recht wissen, wie sie sich benehmen sollen. Von dieser Sorte scheint es inzwischen immer mehr zu geben.

          Der Rechtsanwalt Alexander von Knigge trägt einen berühmten Namen. Deshalb kam er vor einigen Jahren auf den pfiffigen Gedanken, sich im Internet die Domain „Knigge.de“ zu sichern. Was man hat, das hat man. Der Vierunddreißigjährige hatte damals noch keine rechte Vorstellung, was er mit der Seite anfangen würde, und so lag diese erst einmal leer im Netz herum. Es dauerte trotzdem nicht lange, da bekam Alexander von Knigge regelmäßig Post, zumeist adressiert an „info@knigge.de“ oder „webmaster@knigge.de“. Menschen suchten seinen Rat: Man habe dieses oder jenes Benimm-Problem. Baron Knigge könne da doch sicher weiterhelfen.

          Spätestens jetzt verstand der junge Knigge, daß sein Name Auftrag und Verhängnis zugleich war. Daß er gewissermaßen gebranded war, ahnte er seit seiner Kindheit. Häufiger durfte er sich da den Scherz anhören, man habe ja doch gedacht, ein Träger dieses Namens wisse sich besser zu benehmen. Angesichts der wachsenden Zahl der unvermittelt eintrudelnden Anfragen erwog von Knigge kurz, die Internetseite allein dafür zu nutzen, mit einem weitverbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Daß es sich bei seinem berühmten Vorfahren um einen profanen Benimm-Lehrer, eine Art spätfeudaler Supernanny gehandelt habe.

          Aufklärungskampagnen und Lebenshilfe

          Kaum jemand wisse heute noch, daß es sich bei Adolph Freiherr Knigge um einen ernstzunehmenden Denker der Aufklärung gehandelt habe, klagt Alexander von Knigge. Deshalb wollte er ursprünglich allein Informationen zum Leben und über die „großen philosophischen Werke“ seines 1752 in Bredenbeck bei Hannover geborenen Ahnen ins Netz stellen. Dessen 1788 erschienenes Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ sei schließlich alles andere als ein Benimm-Buch. Doch Knigge junior erkannte rasch, daß er nicht an den Bedürfnissen des Marktes vorbei liefern durfte. „Es ist Unsinn, da etwas anzubieten, das die Leute nicht sehen wollen“, sagt er heute, und der Versuch, allein durch historische Informationen gegen ein einseitiges Knigge-Bild anzukämpfen, sei „ein Kampf gegen Windmühlen“.

          Adolph Freiherr Knigge war ein Denker der Aufklärung

          Also beschloß Alexander von Knigge seine Aufklärungskampagne mit praktischer Lebenshilfe zu verbinden. Gemeinsam mit dem Internet-Unternehmer Christian Sauer machte er sich daran, „Knigge.de“ zu einer echten Ratgeber-Seite auszubauen, die nebenbei dem historisch Interessierten die Erkenntnis vermittelt, daß der alte Knigge keinesfalls ein „gestelzter Tanzlehrer“ war, sondern Rousseau-Übersetzer, Kant-Leser und Kämpfer für die Menschenrechte.

          Allgemeine Ratlosigkeit

          Inzwischen arbeiten für „Knigge.de“ eine Redaktionsleiterin, „eine weltgewandte Dame alter Schule“ sowie der Butler des britischen Botschafters in Berlin. Mehr als 70.000 Zugriffe verzeichnet die Seite im Monat. Die Zuschriften sind hübsche Zeugnisse der weit um sich greifenden Ratlosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich. Zugleich verdeutlichen sie, wie in einer Gesellschaft, in der nahezu alles erlaubt ist, die Sehnsucht nach einer Autorität zu wachsen scheint, die quasi letztinstanzlich erklärt: So benimmt man sich. Und so benimmt man sich eben nicht. In einer Zeit, in der Arbeitgeberführer Benimmunterricht fordern und Vorstandsvorsitzende ihn gut gebrauchen könnten, erstaunt es nicht, daß eine Seite wie Knigge.de Konjunktur hat.

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